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Südbayern: Veranstaltungsberichte, Rechtsextremismus, Rechtspolitik, Unrecht & Widerstand - 17.03.11

Staatsanwalt der Brüderlichkeit

Von: Mario Simeunovic

Humanistische Union zeigt Dokumentarfilm von Ilona Ziok

 

„Ich selber kann eigentlich nur sagen, dass das Bekenntnis zu Recht und auch das persönliche Engagement jedenfalls für mich das Entscheidende schien. Und ich möchte eigentlich wünschen, dass junge Menschen heute vielleicht denselben Traum von Recht besäßen, den ich einmal hatte. Und dass sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn hat, wenn man für Freiheit, Recht und Brüderlichkeit eintritt.“ (Fritz Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, *1903, †1968)

Der Staatsanwalt Fritz Bauer war eine überragende Erscheinung innerhalb der bundesdeutschen Nachkriegs-Justiz. Nur die wenigsten Juristen des Naziregimes wurden nach dessen Zusammenbruch für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen. Die meisten konnten ihre Karriere ungehindert fortsetzen. Hans Filbinger, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sorgte als Marinerichter dafür, dass die Zuchthausstrafe eines desertierter Matrosen wenige Wochen vor Kriegsende in die Todesstrafe umgewandelt und vollstreckt wurde. Filbingers Ausspruch „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“ steht symbolisch für die ungeheuerliche Kontinuität unmenschlicher Justiz in Westdeutschland.

Entsprechend war das Justizsystem immer noch vom obrigkeitshörigen, reaktionären Juristentypus durchsetzt, und demzufolge waren von dieser Seite kaum Impulse für eine juristische Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen zu erwarten. Da musste erst einer wie Fritz Bauer kommen. Der Sohn jüdischer Eltern kam aus dem schwedischen Exil und wurde zunächst Landgerichtsdirektor in Braunschweig. Dort sorgte er für Aufsehen, als er im Remer-Prozess exemplarisch einen Widerstandskämpfer des 20. Juli rehabilitierte und den NS-Staat klar als Unrechtsstaat kennzeichnete. Diese – aus heutiger Sicht – Selbstverständlichkeit war es damals noch keineswegs.
1956 wird Fritz Bauer auf Betreiben des Ministerpräsidenten Georg August Zinn in das Amt des hessischen Generalstaatsanwalts berufen. Dieser Ministerpräsident war es auch, der Bauer darin ermutigte, Informationen über den Aufenthaltsort des NS-Verbrechers Adolf Eichmann in Argentinien an den israelischen Geheimdienst Mossad weiterzugeben.

Mit wenig bekannten Details über Bauers Nachforschungen zu Eichmann beleuchtet die polnische Regisseurin Ilona Ziok in ihrem Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ eine der vielen Facetten des Ausnahmejuristen. Bekannt wurde Bauer vor allem durch die Frankfurter Auschwitzprozesse. So befragte Ziok denn auch viele Beteiligte und belegt, welche wesentliche Rolle das unbestechliche Engagement Bauers dabei spielte, diese Prozesse möglich zu machen und durchzuführen.

Bewegend ist aber auch das vorbehaltlose Eintreten Bauers für einen humaneren Strafvollzug und seine Hoffnungen, die er in eine aufgeklärte Jugend setzte. Der hartnäckige Nazi-Verfolger steckte einem Jugendlichen im Vollzug schon mal heimlich eine Packung Zigaretten zu.

Zentrales Dokument im Zioks Film ist eine Talkrunde des hessischen Rundfunks von 1964, der „Kellerklub“. Dort spricht der stets bescheiden auftretende Bauer von seinen Überzeugungen, über Recht und Gerechtigkeit, versucht die jungen Menschen zu einem zivilgesellschaftlichen Engagement zu ermutigen. Eine Aufgabe, die für Bauer wesentliche Bedeutung für den Aufbau und die Zukunft einer demokratischen und humanen Gesellschaft besaß. Ausschnitte aus diesem Fernsehauftritt durchziehen wie ein roter Faden die Dokumentation.

Viele Weggefährten Bauers kommen in Einzelinterviews zu Wort und runden die Dokumentation des Lebens dieses einzigartigen Juristen und Humanisten ab. Traurig ist mit anzusehen, wenn Bauer zeitlebens die Anerkennung seines Wirkens von Seiten des bundesdeutschen Staates versagt bleibt, während er eine nicht enden wollende Zahl von Beleidigungen, Drohbriefen und Intrigen ertragen muss. Dem einstimmigen Urteil der Filmbewertungsstelle Wiesbaden „besonders wertvoll“ für dieses Porträt kann ich mich nur anschließen und hoffen, dass noch viele Bürgerinnen und Bürger, die Gelegenheit haben, diese exzellente Dokumentation zu sehen.  

Fritz Bauer – Tod auf Raten Regie: Ilona Ziok Deutschland, 2010

Erschienen in Münchner Lokalberichte, Nr. 6, 17.3.2011