{"id":171,"date":"2020-08-28T12:04:17","date_gmt":"2020-08-28T10:04:17","guid":{"rendered":"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/laudatio_auf_gerti_kiermeier\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:51","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:51","slug":"laudatio_auf_gerti_kiermeier","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/preis_aufrechter_gang-1997\/laudatio_auf_gerti_kiermeier\/","title":{"rendered":"Laudatio auf Gerti Kiermeier"},"content":{"rendered":"<p>27.10.1997<\/p>\n<div>\n<div class=\"csi-imagewrap\">\n<dl class=\"csi-image\">\n<dt><span class=\"migrated-image\"><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAIAAAAAAAP\/\/\/ywAAAAAAQABAAACAUwAOw==\" fifu-lazy=\"1\" fifu-data-sizes=\"auto\" fifu-data-srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=75&resize=75&ssl=1 75w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=100&resize=100&ssl=1 100w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=150&resize=150&ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=240&resize=240&ssl=1 240w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=320&resize=320&ssl=1 320w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=500&resize=500&ssl=1 500w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=640&resize=640&ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=800&resize=800&ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=1024&resize=1024&ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=1280&resize=1280&ssl=1 1280w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1&w=1600&resize=1600&ssl=1 1600w\" class=\"migrate-image\" fifu-data-src=\"https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/78145496dc.jpg?ssl=1\"><\/span><\/dt>\n<\/dl>\n<\/div>\n<div class=\"csi-text\">\n<p class=\"bodytext\"><i>Von Christine Roth<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Liebe Gerti,\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">vielleicht w&auml;re es Dir lieber, wenn die heutige Preisverleihung gar nicht stattfinden w&uuml;rde. Nicht nur wegen Deiner Bescheidenheit, sondern auch, weil es f&uuml;r Dich und f&uuml;r uns alle und f&uuml;r unser Land besser w&auml;re, wenn Dein Verhalten nicht au&szlig;ergew&ouml;hnlich, sondern gew&ouml;hnlich und allt&auml;glich w&auml;re.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wenn es also nicht die Ausnahme, sondern die Regel w&auml;re, da&szlig; B&uuml;rger ihre demokratischen Grundrechte selbstverst&auml;ndlich in Anspruch nehmen, da&szlig; sie sich allt&auml;glich f&uuml;r verfolgte und bedrohte Fl&uuml;chtlinge einsetzen und immer wieder beharrlich f&uuml;r den Frieden eintreten und Militarismus und Kriegsverharmlosung und Kreigsverherrlichung anprangern.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Weil das alles leider nicht selbstverst&auml;ndlich ist und weil wir uns freuen, da&szlig; es Menschen wie Dich gibt, die unerm&uuml;dlich das Notwendige tun, deshalb sind wir hier und heute zusammen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wie kommt eigentlich jemand, der als &auml;ltestes von vier Kindern in einer b&auml;uerlichen, streng katholischen Familie in Unholzing im schw&auml;rzesten Niederbayern aufw&auml;chst, wie kommt so jemand dazu, sich mit der Staatsmacht anzulegen?\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Unholzing liegt zwischen Dingolfing und Landshut, es ist ein Ort mit ca. 300 Einwohnern. Die meisten von Ihnen werden ihn nicht kennen, aber einige haben ihn sicher schon im Film gesehen. Der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder w&auml;hlte Unholzing als Drehort f&uuml;r seine &#8222;Jagdszenen aus Niederbayern&#8220;. Dieser Ort schien ihm als Hintergrundkulisse geeignet, um zu zeigen, wie in Bayern Jagd auf unangepa&szlig;te Menschen gemacht bzw. wie mit ihnen verfahren wird.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Von diesem Unholzing verschlug es Dich in das Internat der katholischen M&auml;dchen-Realschule in Viehhausen, wo Dir unbotm&auml;&szlig;iges Verhalten &#8211; wie z.B. pfeifen &#8211; mit dem zwangsweisen Besuch der Fr&uuml;hmesse (wecken um 05.30 Uhr, Messebeginn um 06.00 Uhr) ausgetrieben werden sollte.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wie also kommt es, da&szlig; jemand, der so erzogen wird, sich mit der Staatsgewalt anlegt. Nun, die Staatsgewalt selbst hat dazu einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet. Wer wie Du &#8211; als friedliche Demonstrantin in Wackersdorf &#8211; mit CS-Gas und Wasserwerfern bombardiert wird, der lernt hautnah und schmerzhaft am eigenen Leib, da&szlig; Anspruch und Wirklichkeit in der Demokratie oft weit auseinander liegen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Schon seit Beginn Deines politischen Engagements engagiertest Du Dich in der Friedensarbeit, hier vor allem in der Deutschen Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte Kriegsdienstgegner.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Als Gerti erfuhr, da&szlig; bei der Gregor-Racing-Show in der Olympiahalle am 22.11.1989 die Bundeswehr mit einem Werbestand vertreten sein w&uuml;rde, beschlo&szlig; sie, dagegen zu protestieren. Diese Gregor-Racing-Show wendet sich an motorsportbegeisterte Jugendliche und junge Erwachsene.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Hier mu&szlig; eingef&uuml;gt werden, da&szlig; Gerti selbst begeisterte Motorradfahrerin ist. Mehrfach schon hat sie mit ihrem Motorrad die Sahara durchquert. Gerade weil sie diesen Sport liebt, findet sie es unertr&auml;glich, da&szlig; die Begeisterung der jungen M&auml;nner und ihre Faszination f&uuml;r Technik und Motorr&auml;der mi&szlig;braucht werden soll, um sie f&uuml;r das t&ouml;dliche Soldatenhandwerk zu werben.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Um dieser Verharmlosung des Krieges durch den Werbestand der Bundeswehr auf dieser Racing-Show entgegenzutreten, beschlo&szlig; sie mit einigen ihrer Kameraden, ein Transparent aufzustellen mit der Aufschrift &#8222;Soldaten sind potentielle M&ouml;rder\/Kriegsdienstverweigerer&#8220;, um deutlich zu machen, da&szlig; Soldaten im Krieg zum M&ouml;rder werden, da&szlig; aber niemand als Soldat in den Krieg ziehen mu&szlig;, sondern auch den Kriegsdienst verweigern kann.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Gerti und ihre Freunde belie&szlig;en es nicht bei dem Transparent, sondern sie verteilten auch Flugbl&auml;tter, in denen auf die t&ouml;dliche Gefahr von Militarismus und Krieg hingewiesen wurde. Ihre Aktion dauerte noch keine zehn Minuten, da wurden sie schon der Polizei festgenommen und anschlie&szlig;end erkennungsdienstlich behandelt. Mehr als sechs Stunden wurden sie auf der Polizeiwache festgehalten. Vier Soldaten, die an diesem Werbestand der Bundeswehr anwesend waren, f&uuml;hlten sich beleidigt.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es folgte die in Bayern &uuml;blich Prozedur: Verurteilung durch das Amtsgericht, Verurteilung in der Berufungsinstanz durch das Landgericht, Verurteilung in der Revisionsinstanz durch das Bayerische Oberste Landesgericht. Dagegen legte Gerti Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Hier hatte sie 1995 Erfolg, die Verurteilung wurde aufgehoben.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dazu ist anzumerken, da&szlig; ca. 97 % aller Verfassungsbeschwerden &uuml;berhaupt nicht zur Entscheidung angenommen werden und von den illustren verbleibenden 3 % ist wiederum nur ca. die H&auml;lfte erfolgreich.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Eigentlich h&auml;tte hier Schlu&szlig; sein m&uuml;ssen. Hebt das Bundesverfassungsgericht eine strafrechtliche Verurteilung auf, dann war es bis dato undenkbar, da&szlig; sich irgendein bayerischer Amtsrichter dar&uuml;ber hinwegsetzt. Dieser demokratische Konsens ist in Gertis Fall von der bayerischen Justiz aufgek&uuml;ndigt worden. Mittlerweile ist Gerti schon wieder durch das Bayerische Oberste Landesgericht verurteilt. Zum zweitenmal ist sie gezwungen, Karlsruhe im Weg der Verfassungsbeschwerde anzurufen. Eine Entscheidung steht noch aus.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Warum wagt heute die bayerische Justiz, was vor ca. zehn Jahres undenkbar war: sich hinwegzusetzen &uuml;ber eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das immerhin eines unserer Verfassungsorgane ist.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Rufen wir uns in Erinnerung:\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Bundesverfassungsgericht wurde geschaffen, um Lehren aus der Nazibarbarei zu ziehen. Der einzelne B&uuml;rger sollte die M&ouml;glichkeit haben, die Beachtung seiner Grundrechte durch den Staat vom Bundesverfassungsgericht &uuml;berwachen zu lassen. In unz&auml;hligen F&auml;llen hat seither das Bundesverfassungsgericht strafrechtliche Verurteilungen aufgehoben, weil die Strafgerichte den Grundrechtsschutz nicht oder nicht ausreichend beachtet haben. Das Bundesverfassungsgericht wurde bewu&szlig;t als H&uuml;terin der Verfassung geschaffen, seine Urteile sind gem&auml;&szlig; =15 31 BVerfGG bindend f&uuml;r die Bundesregierung, die L&auml;nderregierungen sowie f&uuml;r alle Gerichte und Beh&ouml;rden.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Bundesverfassungsgericht genie&szlig;t h&ouml;chste Achtung und Autorit&auml;t. Genie&szlig;t??? Geno&szlig; &#8211; bis vor zwei Jahren ein Feldzug gegen dieses Gericht in Gang gesetzt wurde, der beispiellos und be&auml;ngstigend ist. Vorreiter war wieder einmal die unheilige Allianz aus bayerischer Staatsregierung und katholischer Kirche. Als Ausl&ouml;ser wurde das sogenannte Kruzifixurteil vom August 1995 hergenommen. Ein absolut harmloses Urteil, das lediglich eine jahrzehntelange Rechtsprechung zur Frage der Trennung von Staat und Kirche best&auml;tigte.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Hier wurde zum ersten mal im Bezug auf das Bundesverfassungsgericht gelogen, da&szlig; sich die Balken bogen und das Urteil bewu&szlig;t falsch wieder gegeben &#8211; so wie sp&auml;ter auch das Soldatenurteil.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Bundesverfassungsgericht hatte lediglich entschieden, da&szlig; die gesetzliche Anordnung, da&szlig; Kreuze in den Schulen aufgeh&auml;ngt werden m&uuml;ssen, verfassungswidrig ist. Die L&uuml;ge besteht darin, da&szlig; die bayerische Staatsregierung und die Kirche behaupteten, das Gericht habe die Anbringung von Kreuzen in Schulen verboten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sehen wir uns nun die Situation im Zusammenhang mit der Soldatenentscheidung des Bundesverfassungsgerichts an:\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im Jahr 1990 hat die BRD ihre Grenzen erstmals seit dem zweiten Weltkrieg nach dem Osten erweitert und ihr Staatsgebiet durch Angliederung der DDR um ca. ein Drittel vergr&ouml;&szlig;ert. Was vor 1990 undenkbar schien, ist seitdem Wirklichkeit: Die Bundeswehr wird au&szlig;erhalb der BRD und au&szlig;erhalb des Natogebietes eingesetzt. Zun&auml;chst sprach man in Somalia noch zur&uuml;ckhaltend von humanit&auml;rer Hilfe, heute geht es ganz unverhohlen um Kampfeins&auml;tze der Bundeswehr auf dem Balkan und sonstwo auf der Welt!\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In einer Zeit also, in der deutsche Soldaten in deutschen Tornados Richtung Balkan flogen, entschied im Oktober 1995 das Bundesverfassungsgericht, da&szlig; die &Auml;u&szlig;erung &#8222;Soldaten sind M&ouml;rder&#8220; keine Beleidigung der Bundeswehr oder einzelner ihrer Soldaten darstellt. Sofort erhob die unheilige Allianz von Milit&auml;r und Reaktion ein wildes Geschrei und behauptete, Bundeswehrsoldaten seien schutzlos und d&uuml;rften ungestraft beleidigt werden.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das ist eine L&uuml;ge: Wenn heute jemand sagt &#8222;Soldaten der Bundeswehr sind M&ouml;rder&#8220;, so macht er sich wegen Beleidigung gem&auml;&szlig; &sect; 185 StGB strafbar und kann bis zu zwei Jahren Gef&auml;ngnis verurteilt werden.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Bundesverfassungsgericht wertete die &Auml;u&szlig;erung &#8222;Soldaten sind M&ouml;rder&#8220; gerade deshalb nicht als Beleidigung, weil sich diese &Auml;u&szlig;erung gerade nicht auf Bundeswehrsoldaten bezog, sondern auf Soldaten ganz allgemein. Es ist also eine bewu&szlig;te L&uuml;ge der Bundesregierung, wenn sie behauptet, Soldaten der Bundeswehr seien schutzlos.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Um dieser angeblichen Schutzlosigkeit entgegenzuwirken sollte dann der neue Straftatbestand, &sect; 109 b &#8211; &#8222;Verunglimpfung der Bundeswehr&#8220; &#8211; in das StGB aufgenommen werden. Der genaue Wortlaut des geplantes Gesetzes lautet: &#8222;Wer &ouml;ffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreitung von Schriften Soldaten in Beziehung auf ihren Dienst in einer Weise verunglimpft, die geeignet ist, das Ansehen der Bundeswehr oder ihrer Soldaten in der &ouml;ffentlichen Meinung herabzuw&uuml;rdigen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sehen wir uns nochmal die &Auml;u&szlig;erung &#8222;Soldaten sind M&ouml;rder&#8220; an. Da sich diese &Auml;u&szlig;erung nach wie vor auf Soldaten allgemein und nicht auf solche der Bundeswehr bezieht, w&auml;re diese &Auml;u&szlig;erung auch nach dem neuen Gesetz nicht strafbar. Die Bundesregierung brachte aber den Gesetzentwurf gerade mit der Begr&uuml;ndung ein, da&szlig; dann diese &Auml;u&szlig;erung strafbar sei.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es gibt im Strafrecht einen fundamentalen Grundsatz, dessen Geltung einen Rechtsstaat von der Barbarei unterscheidet. Jeder Jurastudent lernt ihn im ersten Semester. Dieser Grundsatz lautet: &#8222;nulla poena sine lege&#8220;, also keine Strafe ohne Gesetz. In Art. 103 Abs. 2 GG ist dieser Grundsatz ausdr&uuml;cklich festgelegt: &#8222;Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde&#8220;. Dieser Grundsatz beinhaltet das Bestimmtheitsgebot, d.h. jeder mu&szlig; wissen, bei welchem Verhalten er sich strafbar macht.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Obwohl sich die &Auml;u&szlig;erung &#8222;Soldaten sind M&ouml;rder&#8220; nicht auf Bundeswehrsoldaten bezieht, sagte die Bundesregierung bereits im Gesetzgebungsverfahren, da&szlig; k&uuml;nftig diese &Auml;u&szlig;erung als Verunglimpfung der Bundeswehr strafbar sein wird. D.h. die Bundeswehr macht bereits im Vorfeld deutlich, da&szlig; k&uuml;nftig jede &Auml;u&szlig;erung im Zusammenhang mit Soldaten und Krieg, die ihr nicht pa&szlig;t, als Verunglimpfung der Bundeswehr bestraft werden kann.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dieser Gesetzentwurf ist vorl&auml;ufig wieder in der Schublade verschwunden! Wiegen wir uns aber nicht in falscher Sicherheit. Die Bundesregierung hat allein mit dem Einbringen dieses Gesetzesentwurfs offenbart, da&szlig; sie bereit ist, jede x-beliebige kritische &Auml;u&szlig;erung als Verunglimpfung der Bundeswehr bestrafen zu lassen. Die Bundesregierung hat offenbart, da&szlig; sie bereit ist, gegen den fundamentalen Grundsatz &#8222;nulla poena sine lege&#8220; zu versto&szlig;en. Bei einem solchen Versto&szlig; gegen elementare Grunds&auml;tze des Rechts geht es nicht mehr nur um Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit, sondern es geht um das &Uuml;berschreiten der Grenze vom Rechtsstaat zur Barbarei.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Bundesregierung hat gezeigt, da&szlig; sie bereits jetzt &#8211; im Frieden &#8211; f&uuml;r Friedhofsruhe sorgen will, keiner soll k&uuml;nftig gegen den Krieg mehr protestieren k&ouml;nnen. Zweimal in diesem Jahrhundert wurden deutsche Ehem&auml;nner, deutsche S&ouml;hne und deutsche V&auml;ter zu den Soldaten gepre&szlig;t und als M&ouml;rder gegen die V&ouml;lker der Welt gehetzt.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In mehr als 70 L&auml;ndern der Welt liegen deutsche Soldaten begraben. Sie waren T&auml;ter und Opfer zugleich. Denn der erste Feind, den eine kriegf&uuml;hrende Regierung besiegen mu&szlig;, ist das eigene Volk. Insgesamt fast 40.000 Todesurteile gegen desertierende Soldaten, gegen Kriegsgegner und Antifaschisten &#8211; das ist die Bilanz des 2. Weltkrieges. Eine justitielle Mord- und Hinrichtungsmaschinerie war erforderlich, um diesen Krieg f&uuml;hrbar zu machen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im Kriegsfall mu&szlig; zwingend die Todesstrafe wieder eingef&uuml;hrt werden, dazu dr&auml;ngt die milit&auml;rische Logik. Wer die Wahl hat zwischen dem wahrscheinlichem Tod an der Front und dem Gef&auml;ngnis im Hinterland, der wird das Gef&auml;ngnis w&auml;hlen. Nur wer die Wahl zwischen dem eventuellen Tod an der Front und dem sicheren Tod durch ein Kriegsgericht, nur der l&auml;&szlig;t sich in den Krieg pressen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es gibt bereits heute in den Schubladen des Justiz- bzw. Verteidigungsministeriums Pl&auml;ne f&uuml;r eine Kriegsgerichtsbarkeit, die soweit gediehen sind, da&szlig; sogar die Abzeichen auf den Roben der k&uuml;nftigen Kriegsrichter detailliert festgelegt sind.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wenn wir heute eine Friedensk&auml;mpferin ehren, dann sollte auch Raum sein f&uuml;r eine kurze Erinnerung daran, wie viele Menschen in diesem Land ihren Kampf f&uuml;r den Frieden mit ihrem Leben bezahlen mu&szlig;ten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Reichstagsabgeordnete und Rechtsanwalt Karl Liebknecht, der als einziger 1914 gegen die Kriegskredite stimmte, wurde trotz parlamentarischer Immunit&auml;t als Armierungssoldat eingezogen. Armierungssoldaten mu&szlig;ten Sch&uuml;tzengr&auml;ben ausheben, sie waren also die am meisten gef&auml;hrdeten Menschen an vorderster Front und unverhohlen &auml;u&szlig;erte das Milit&auml;r die Hoffnung, Karl Liebknecht m&ouml;ge bei dieser gef&auml;hrlichen T&auml;tigkeit get&ouml;tet werden.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Als auf diese Weise die Stimme des Friedens in Deutschland nicht zum Verstummen gebracht werden konnte, verurteilte ihn die kaiserliche Justiz zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus, weil er auf einer Kundgebung am 01. Mai 1916 gerufen hatte: &#8222;Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Er und Rosa Luxemburg waren f&uuml;r ihre Losung: &#8222;Der Hauptfeind steht im eigenen Land und der hei&szlig;t deutscher Imperialismus&#8220; den Kriegstreibern und ihren Hinterm&auml;nnern in Banken und Industrie t&ouml;dlich verha&szlig;t. Es waren deutsche Soldaten, die diese K&auml;mpfer f&uuml;r den Frieden heimt&uuml;ckisch und grausam ermordeten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Erich M&uuml;hsam, Karl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und viele andere Friedensk&auml;mpfer wurden gefoltert, ins Exil verjagt und ermordet, weil sie die Kriegstreiber und die Kriegsgewinnler in Banken und Industrie anprangerten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Eine pers&ouml;nliche Anmerkung sei mir gestattet: Ich kann mich mit dem Satz &#8222;Soldaten sind M&ouml;rder&#8220; nicht vorbehaltlos identifizieren. F&uuml;r mich sind die Soldaten der Roten Armee, die Ausschwitz befreit haben oder die amerikanischen Soldaten, die Dachau befreit haben, keine M&ouml;rder, sondern Retter. Deutsche Soldaten haben dagegen in diesem Jahrhundert fast ausnahmslos unendliches Leid &uuml;ber andere V&ouml;lker und nicht zuletzt &uuml;ber ihr eigenes Volk und sich selber gebracht.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Heute fliehen Menschen aus L&auml;ndern in denen Krieg herrscht, zu uns und suchen Asyl. Und wir sollten uns bewu&szlig;t sein, da&szlig; an vielen dieser Kriege deutsche Firmen und deutsche Banken beteiligt sind und davon profitieren.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Menschen wie Gerti tun alles, um diese Fl&uuml;chtlinge zu unterst&uuml;tzen! Viele Steine werden ihr und ihren Mitk&auml;mpfern in den Weg gelegt und einer von ihnen, der Sprecher des bayerischen Fl&uuml;chtlingsrats, hat heute zu mir gesagt, wie unendlich es wohltuend ist, da&szlig; Du, liebe Gerti, trotz der m&uuml;hevollen und oft von R&uuml;ckschl&auml;gen begleiteten Arbeit nie Dein sonniges Gem&uuml;t und Deine Heiterkeit verlierst.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch wir hoffen, da&szlig; Du niemals Deinen Optimismus verlierst und da&szlig; Du auch in Zukunft so geradlinig bleibst.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und wir haben noch die Bitte an Dich: da&szlig; Du bei all Deinem Einsatz nicht vergi&szlig;t, auch auf Dich zu achten und Deine Gesundheit zu schonen. Erst vor kurzem hast Du einen sehr schmerzhaften Bandscheibenvorfall erlitten. So hat es schon fast eine doppelsinnige Bedeutung, wenn Dir heute der Preis f&uuml;r aufrechten Gang verliehen wird und wir hoffen, da&szlig; Du diesen aufrechten Gang auch k&uuml;nftig in jeder Hinsicht weitergehst.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Christine Roth<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Weitere Informationen:\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1997\/\">Festakt<\/a>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1997\/rede_der_preistraegerin\/\">Rede der Preistr&auml;gerin Gerti Kiermeier<\/a>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1997\/ankuendigung_und_begruendung\/\">Ank&uuml;ndigung und Begr&uuml;ndung der Preisvergabe<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1997\/laudatio_auf_gerti_kiermeier\/\">Nach oben<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27.10.1997 Von Christine Roth &nbsp; Liebe Gerti, vielleicht w&auml;re es Dir lieber, wenn die heutige Preisverleihung gar nicht stattfinden w&uuml;rde. 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