{"id":176,"date":"2020-08-28T12:04:17","date_gmt":"2020-08-28T10:04:17","guid":{"rendered":"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/laudatio_auf_wunibald_heigl\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:52","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:52","slug":"laudatio_auf_wunibald_heigl","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/preis_aufrechter_gang-1993\/laudatio_auf_wunibald_heigl\/","title":{"rendered":"Laudatio auf Wunibald Heigl"},"content":{"rendered":"<div>\n<div class=\"csi-imagewrap\">\n<dl class=\"csi-image\">\n<dt><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1993\/laudatio_auf_wunibald_heigl\/\"><span class=\"migrated-image\"><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAIAAAAAAAP\/\/\/ywAAAAAAQABAAACAUwAOw==\" fifu-lazy=\"1\" fifu-data-sizes=\"auto\" fifu-data-srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=75&resize=75&ssl=1 75w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=100&resize=100&ssl=1 100w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=150&resize=150&ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=240&resize=240&ssl=1 240w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=320&resize=320&ssl=1 320w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=500&resize=500&ssl=1 500w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=640&resize=640&ssl=1 640w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=800&resize=800&ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=1024&resize=1024&ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=1280&resize=1280&ssl=1 1280w, https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1&w=1600&resize=1600&ssl=1 1600w\" class=\"migrate-image\" fifu-data-src=\"https:\/\/i0.wp.com\/suedbayern.humanistische-union.de\/typo3temp\/pics\/6c871e25cc.jpg?ssl=1\"><\/span><\/a><\/dt>\n<dd class=\"csi-caption\">\n<p class=\"csc-caption\">Copyright Humanistische Union<\/p>\n<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<div class=\"csi-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Prof. Dr. Kurt Singer<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>&#8222;Freiheit und Unfreiheit von Lehrerinnen und Lehrern. Aufrechter Gang und obrigkeitlicher Zwang in einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt.&#8220;<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Aufrechter Gang in freiheitlicher Schulatmosph&auml;re &#8211; Geduckte Haltung unter Druck &#8222;von oben&#8220;<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aufrechter Gang. Vor einigen Jahren besuchte eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern Schulen in D&auml;nemark. Sie berichteten nach ihrer R&uuml;ckkehr &uuml;ber ihre Beobachtungen:<br \/>&Uuml;ber das freiheitliche Klima, die kollegiale Zusammenarbeit, &uuml;ber p&auml;dagogische Selbstverantwortung der Lehrer, &uuml;ber die das einzelne Kind unterst&uuml;tzende Arbeit in Klassen mit f&uuml;nfzehn bis zwanzig Sch&uuml;lern und die gro&szlig;z&uuml;gige Lehrerweiterbildung. Eine der Berichterstatterinnen sagte: &#8222;In den d&auml;nischen Schulen gehen die Lehrer ganz anders als bei uns.&#8220; &#8211; Ich fragte zur&uuml;ck: &#8222;Wie meinen Sie das: Die Lehrer gehen in D&auml;nemark anders?&#8220; &#8211; &#8222;Ja, wie die sich im Schulhaus bewegen, das ist selbstverst&auml;ndlicher als in unseren Schulh&auml;usern, irgendwie freier, da ist alles unverkrampft, die gehen aufrechter.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aufrechter. Es gibt Bedingungen im Alltag, am Arbeitsplatz, in der Schule, die machen Eigen-Bewegung m&ouml;glich. Da kann man, wie die Lehrerin meinte, &#8222;anders gehen&#8220;, seinen &#8222;aufrechten Gang&#8220; be-wahren.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In unseren Schulen ist das nicht selbstverst&auml;ndlich. Hier findet man verbreitet die geduckte Haltung statt des aufrechten Ganges; denn Lehrerinnen und Lehrer werden staatlich beaufsichtigt. Da widerf&auml;hrt es nicht nur dem Oberstudienrat Wunibald Heigl &#8211; aber dem besonders -, da&szlig; ein Vorgesetzter ins Klassenzimmer eindringt, ohne eingeladen zu sein; ohne da&szlig; der fragt, ob sein &#8222;Besuch&#8220; erw&uuml;nscht ist, ob er vielleicht st&ouml;re. Nein, der ungebetene Gast mu&szlig; &#8222;nach dem Rechten schauen&#8220; &#8211; oder nach dem Schlechten suchen?\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Was stellen Lehrerinnen und Lehrer an, da&szlig; man sie durch eine Regel-Beurteilung oder eine Regel-Verurteilung bis ins hohe Dienstalter verd&auml;chtigt? Diese &#8222;Schulbesuche&#8220;, wie das verf&auml;l-schende Wort f&uuml;r Kontrolle hei&szlig;t, finden unangemeldet statt. Bei welchem Verbrechen sollen die &Uuml;berrumpelten auf frischer Tat ertappt werden? &#8211; Und was steckt in den Lehrerinnen und Lehrern, da&szlig; sie dem unerw&uuml;nschten Eindringling nicht den Zutritt ver-wehren? &#8211; Von solcher Gegenwehr habe ich nur einige Male erfahren und da hat sie &uuml;berraschend gewirkt.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nat&uuml;rlich gibt es Vorgesetzte, die haben Mut zur Scham. Sie weigern sich, taktlos Kolleginnen und Kollegen zu &uuml;berfallen; denn sie wollen keine Duckm&auml;user heranziehen. Deshalb vereinbaren sie mit den Lehrern einen Schulbesuchstermin. Das sind Schulr&auml;te mit aufrechtem Gang. Nur wenn sich Lehrerinnen und Lehrer und ihre Vorgesetzten aus der G&auml;ngelung befreien und Selbstverantwortung &uuml;bernehmen, wird die Schule demokratisch.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>B&uuml;rokratischer Unterordnungszwang hemmt den schulp&auml;dagogischen Fortschritt &#8211; Ermutigung der Sch&uuml;ler zu demokratischem Handeln<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aus meiner praktischen Arbeit mit Lehrer-Balint-Gruppen und Lehrer-Selbsterfahrungsgruppen, aus der Lehrerberatung und Supervision, aus Seminaren mit Schulkollegien, aus meiner eigenen Lehrererfahrung, meiner wissenschaftlichen Arbeit und aus meiner psychotherapeutischen T&auml;tigkeit als Psychoanalytiker wei&szlig; ich, wieviel seelische Not aus der angst-machenden Schul-Aufsicht erw&auml;chst: aus der Angst, die Lehrerinnen und Lehrer gemacht wird und aus den Autorit&auml;ts&auml;ngsten, die fr&uuml;h in sie hineingelegt wurden. Diese Not wird oft durch Schulratswitze und Visitationsanekdoten weggelacht; denn sie w&auml;re eigentlich zum Weinen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nichts hemmt den p&auml;dagogischen Fortschritt in der Schule mehr, als die undemokratischen Verh&auml;ltnisse, die in ihr herrschen: die Unterordnung, b&uuml;rokratische Regelung, Zensur und machtbehauptendes Vorgesetztenverhalten. Dem entspricht auf der anderen Seite die unvorstellbare Gehorsamsbereitschaft von Lehrerinnen und Lehrern. In Autorit&auml;tsh&ouml;rigkeit opfern sie ihre p&auml;dagogische Freiheit und passen sich an. Sie fl&uuml;chten in die schutzverhei&szlig;ende Kind-Rolle.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nicht so Wunibald Heigl. Er ist erf&uuml;llt von demokratischer &Uuml;berzeugung und p&auml;dagogischem Einsatz. Vor vierzehn Jahren gr&uuml;ndete er am Werner-von-Siemens-Gymnasium zusammen mit der Sch&uuml;lermitverwaltung die Arbeitsgemeinschaft f&uuml;r Politische Bildung. Er wollte an der Schule ein Forum f&uuml;r politische Diskussionen schaffen. Lehrer, Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler trafen sich w&ouml;chentlich in ihrer Freizeit. Sie erarbeiteten politische Informationen f&uuml;r sich und die Mitsch&uuml;ler, verfa&szlig;ten Flugbl&auml;tter, organisierten Ausstellungen, veranstalteten Podiumsdiskussionen. Sie f&uuml;hrten Kultur- und Informationstage zu aktuellen politischen Themen durch wie: Frieden und Abr&uuml;stung, Neue Medien, Umweltschutz, Waldsterben, Rassismus, Apartheid, Atomenergie, Rechtsextremismus, Gewalt. &#8211; Themen, die heute &uuml;berlebensnotwendig sind, besonders f&uuml;r Kinder.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Herr Heigl unterst&uuml;tzt Jugendliche darin, politisch zu denken und sich &ouml;ffentlich einzumischen. Das dr&uuml;ckt sich in der Arbeit f&uuml;r Ausl&auml;nderfreundlichkeit aus. Dabei begn&uuml;gt er sich nicht mit Appellen, sondern erarbeitet mit den Jugendlichen Hintergr&uuml;nde und Argumente: Wie Ausl&auml;nder ins Land geholt wurden und das Wirtschaftswunder erm&ouml;glichten, wie sie leben und arbeiten, wie die Einwanderungs- und Fl&uuml;chtlingssituation in anderen L&auml;ndern ist, was das Asylrecht bedeutet und wie sich die &Auml;nderung des &#8222;Grundrechts auf Asyl&#8220; auswirkt. Es entstand eine Ausstellung, die an vielen Orten gezeigt wurde: &#8222;Das Recht, fremd zu sein &#8211; Ausl&auml;nder in Deutschland.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Jugendlichen politikbereit und politikf&auml;hig machen<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die politische Bildungsarbeit von Herrn Heigl &uuml;berwindet offensichtlich die Politikverdrossenheit Jugendlicher.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&#8211;&nbsp;&nbsp; &Uuml;ber hundert Sch&uuml;ler und Lehrer erarbeiteten eine Friedensaus-<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; stellung (die ihnen Schwierigkeiten mit der Schulleitung<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; einbrachte).\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&#8211;&nbsp;&nbsp; Mit gro&szlig;em pers&ouml;nlichen Einsatz sammelten die Jugendlichen<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Erkenntnisse &uuml;ber die Flick-Aff&auml;re und bauten dazu<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Informationsst&auml;nde auf (der damalige Schulleiter bezeichnete<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; das als &#8222;Beispiel negativer erzieherischer Beeinflussung&#8220;,<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; als ob dieser negative Einflu&szlig; nicht viel mehr von der Aff&auml;re <br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; ausginge).\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&#8211;&nbsp;&nbsp; Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler befa&szlig;ten sich mit &ouml;kologischen<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Alternativen zur zerst&ouml;rerischen Atomkraft und mischten sich<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; damit ein.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nicht immer waren es so viele, die sich beteiligten: manchmal zwanzig, drei&szlig;ig oder f&uuml;nfzig Jugendliche. Aber darin zeigt sich, da&szlig; politisches Interesse und Handlungsbereitschaft angeregt wurden. Das w&auml;re dringend erforderlich; denn die letzte Studie des Jugendwerks der Deutschen Shell zeigt auf: Die Gleichg&uuml;ltigkeit der Jugendlichen hat zugenommen. Wie bei ihren erwachsenen &#8222;Vorbildern&#8220; gibt es eine &#8222;allgemeine Politikm&uuml;digkeit&#8220;. Also ist die Arbeit Wunibald Heigls ganz im Sinne des demokratischen Erziehungsauftrages: Kinder und Jugendliche zu politikf&auml;higen, politikbereiten und veranwortungsbewu&szlig;ten B&uuml;rgen zu machen. Aber das schlie&szlig;t die m&uuml;ndige Kritik an den Herrschenden ein und die mi&szlig;f&auml;llt denen. Deshalb die Mahnung, Lehrerinnen und Lehrer sollten nicht &#8222;politisch&#8220; werden?\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ich m&ouml;chte in meiner Rede Lehrerinnen und Lehrer einschlie&szlig;en, die sich ebenfalls f&uuml;r Politische Bildung und die Humanisierung der Schule einsetzen &#8211; und denen vielfach die gleiche Verachtung und Verfolgung widerf&auml;hrt wie dem Preistr&auml;ger. &#8211; Die Sch&uuml;ler einer siebten Klasse bearbeiten beispielsweise mit ihrer Lehrerin das Abfallproblem. Sie sehen dabei ein: Wenn wir nicht am M&uuml;ll ersticken wollen, m&uuml;ssen wir weniger Abfall produzieren. Die Jugendlichen erkennen die gest&ouml;rte Intelligenzleistung, mit der Regierende diese Logik au&szlig;er Kraft setzen. Die wollen den M&uuml;llberg nicht dadurch verkleinern, da&szlig; sie M&uuml;ll vermeiden, sondern sie setzen auf den Abfall ganz einfach einen &#8222;gr&uuml;nen Punkt&#8220;, der noch nicht einmal gr&uuml;n und auch kein Punkt ist. Schon ist die Lehrerin politisch geworden &#8211; und das zu Recht: Es geht darum, den Kindern dabei zu helfen, die Welt so zu ver&auml;ndern, da&szlig; auch sie noch darin leben k&ouml;nnen &#8211; und das hei&szlig;t: die Heranwachsenden politikbereit zu machen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Politik geh&ouml;rt in die Schule<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Da ist zum Beispiel eine Lehrerin, die bearbeitete das Ozon-Problem als ganzheitliches Unterrichtsprojekt. Beim Thema Boden-Ozon tauchte die Frage auf: Warum d&uuml;rfen sich Kinder, Alte und Kranke an den sch&ouml;nsten Tagen des Sommers nicht im Freien bewegen? Die Sch&uuml;ler erarbeiteten im Verlauf des Projektes einen umfassenden Katalog, was geschehen m&uuml;&szlig;te: von individueller R&uuml;cksichtnahme bis zu einer vern&uuml;nftigen am Menschen orientierten Verkehrspolitik. Sie sprachen auch dar&uuml;ber, da&szlig; Politiker Verantwortung den Kindern gegen&uuml;ber haben m&uuml;&szlig;ten. &#8211; Oder ist etwa den Politikern Autofahren wichtiger als Atmen? Sie diskutierten die herausfordernde Frage: Soll man die Kinder in die Garage sperren, damit Autos drau&szlig;en spielen k&ouml;nnen?\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Prompt erscheint ein Vater beim Schulleiter: Die Lehrerin w&auml;re zu politisch. Er verwechselte Partei- und Machtpolitik mit Politik. In ihr geht es darum, da&szlig; Menschen gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse gemeinsam ver&auml;ndern. Zu diesem politischen Handeln will die Lehrerin die Jugendlichen bef&auml;higen. Sie regt die Heranwachsenden dazu an, sich f&uuml;r &ouml;ffentliche Probleme zu interessieren, wachsam zu fragen und verantwortlich mitzugestalten. &#8211; Alle Aufgaben, die heute zur Rettung der bedrohten Welt anstehen, sind nur durch politische Prozesse zu l&ouml;sen. Deshalb braucht Lernen in einer bedrohten Welt eine &ouml;kologische Bildung, die zugleich politische Bildung ist.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Politik geh&ouml;rt in die Schule. &#8211; Nur so k&ouml;nnen Jugendliche Politik lernen: als grundlegende Erkenntnis &uuml;ber Politik, als Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Problemen und als politische Erfahrung durch Mitsprache und echte Mitbestimmung in der Schule. &Ouml;ffentliche Verantwortung ist nur erlernbar durch &ouml;ffentliche Verantwortung der Sch&uuml;ler &#8211; in Schulleben und Unterricht. &#8211; Dazu m&uuml;ssen Eltern, Lehrerinnen und Lehrer selbst politisch werden, sich mit ihrem moralischen Denken kenntlich machen und in ihrer &ouml;ffentlichen Teilnahme den Kindern und Jugendlichen Vorbild sein.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>W&uuml;rdigung durch die Theodor-Heuss-Medaille &#8211; Entw&uuml;rdigung durch Vorgesetzte<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wunibald Heigl ist so ein Vorbild. F&uuml;r seine politische Bildungsarbeit wurde ihm und seiner Arbeitsgruppe die Theodor-Heuss-Medaille verliehen: f&uuml;r den &#8222;beispielgebenden und ausdauernden Einsatz in der Auseinandersetzung mit ausl&auml;nderfeindlichen und rechtsextremistischen Tendenzen in und au&szlig;erhalb der Schule&#8220;. Im Rahmen dieser Verleihung, an der auch Bundespr&auml;sident Richard von Weizs&auml;cker teilnahm, wurde sein &#8222;nachahmenswertes Beispiel f&uuml;r Zivilcourage und vorbildliches Verhalten&#8220; gew&uuml;rdigt.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nicht gew&uuml;rdigt wird es hingegen von Schulleitung, Schulreferat und Kultusministerium. Deren Verhalten reicht bis zur Entw&uuml;rdigung. So etwa, wenn in einer heimlichen Aktion 135 Klausuren aus zwei Jahren unter einem fadenscheinigen Vorwand nachkorrigiert wurden: ohne Gespr&auml;ch mit dem Lehrer, ohne Erkl&auml;rung, hinterr&uuml;cks. Das folgt dem &#8222;Prinzip Lauschangriff&#8220;. Nie kam am Ende solcher Aktionen eine Klarstellung oder eine Entschuldigung der Vorgesetzten f&uuml;r das entwertende Verhalten. Und<br \/>was zum Bedr&uuml;ckendsten geh&ouml;rt: Es kommt keine Unterst&uuml;tzung von jenen Politikern und Amtsinhabern, die eine Rede halten w&uuml;rden wie ich das hier tue &#8211; aber nicht zur Stelle sind, wenn es darum geht, einem B&uuml;rger beizustehen, dem Unrecht geschieht.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nicht W&uuml;rdigung sondern Entw&uuml;rdigung: Herr Heigl wurde bei einer dienstlichen Beurteilung um eine Note herabgestuft, obwohl er Fachbetreuer in Sozialkunde, Wirtschaft und Recht war, als Kollegstufenbetreuer arbeitete und sich aktiv im Personalrat einsetzte. Von den Sch&uuml;lern wurde er als Verbindungslehrer gew&auml;hlt. Er erm&ouml;glichte Wahlunterricht in Wirtschaft und Politik und organisierte Veranstaltungen f&uuml;r die Sch&uuml;ler. W&auml;hrend der Ferien f&uuml;hrte er Schulfahrten in die DDR durch. Zur Abiturvorbereitung hielt er sozialpolitische Wochenendseminare mit Landtagsabgeordneten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Neben all dem arbeitet er aktiv in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit. Er ist nicht nur Diplom-Kaufmann, sondern hat die Lehrbef&auml;higung in Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde, Wirtschaft und gibt Englischunterricht. Vor f&uuml;nf Jahren hat er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen ein Tagesheim f&uuml;r Sch&uuml;ler mitbegr&uuml;ndet. Seit vierzehn Jahren leitet er eine von ihm ins Leben gerufene Initiative &#8222;Sch&uuml;ler helfen Sch&uuml;lern&#8220;: etwas Ungew&ouml;hnliches; denn die Schule ist &uuml;blicherweise nicht der Ort, an dem man sich um andere sorgt.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&Uuml;ber vierzig Kolleginnen und Kollegen des Gymnasiums emp&ouml;rten sich &ouml;ffentlich durch ihre Unterschrift &uuml;ber die Herabstufung von Herrn Heigl, ohne Erfolg. Ein politisch handelnder, kritischer Lehrer sollte bestraft werden. Und allen anderen wurde ein einsch&uuml;chterndes Beispiel vorgef&uuml;hrt.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Man kann Menschen zu &#8222;Zubeschulenden&#8220; deformieren<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Versuche, den Oberstudienrat Wunibald Heigl vom aufrechten Gang in die Knie zu zwingen, sind vielf&auml;ltig. Zum Beispiel verd&auml;chtigten ihn Ministerium und Schulreferat der Unredlichkeit: Er w&uuml;rde in den von ihm gef&uuml;hrten Leistungskursen &#8222;nicht das &uuml;bliche und angemessene Anforderungsniveau erreichen&#8220;. Die Schn&uuml;ffler entdeckten bei einer weiteren Geheimaktion, da&szlig; manche Sch&uuml;lerarbeiten weitgehend mit der Leistungserwartung des Lehrers &uuml;bereinstimmten. Die Niedrigkeit in ihren K&ouml;pfen projizieren die Amtsverwalter in den von ihnen verfolgten Lehrer hinein: der k&ouml;nnte betr&uuml;gen, denn&nbsp; die Leistungsmessung bezog sich auf Arbeitspapiere in H&auml;nden der Sch&uuml;ler.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das traf in der Tat zu: denn der Lehrer bereitete Unterricht und Klausur gut vor. Er behandelte den Lernstoff &#8211; unter anderem die &#8222;Weimarer Republik&#8220; &#8211; in ungef&auml;hr zwanzig Doppelstunden; &Uuml;ber jede lie&szlig; er ein Protokoll verfassen. Dieses korrigierte und besprach er mit den Sch&uuml;lern, vervielf&auml;ltigte es und gab es jedem an die Hand. Mit Hilfe der Protokolle und anderer Materialien konnten sich die Sch&uuml;ler auf die Pr&uuml;fung vorbereiten und Gutes leisten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">F&uuml;r die lernpsychologisch &uuml;berlegte und sorgf&auml;ltige Vorbereitung wird Wunibald Heigl aber nicht belobigt, sondern verd&auml;chtigt. Jedenfalls meint sein Vorgesetzter, Stadtdirektor J&uuml;rgen Lachner, in einem Brief &#8211; &uuml;brigens fern von einfachstem menschlichen Anstand ohne Anrede &#8211; an Herrn Heigl: Es l&auml;ge m&ouml;glicherweise , so schreibt der f&uuml;r P&auml;dagogik verantwortliche Stadtdirektor, &#8222;ein Versto&szlig; gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung aller Zubeschulenden&#8220; vor. &#8211; Die &#8222;Zubeschulenden&#8220; &#8211; in einem Wort geschrieben &#8211; er&ouml;ffnen Schlimmes.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Autoren Sternberger, Storz und S&uuml;skind schreiben in dem auf das Naziregime bezogenen &#8222;W&ouml;rterbuch des Unmenschen&#8220;: &#8222;Soviel und welche Sprache einer spricht, soviel und solche Sache, Welt oder Natur ist ihm erschlossen&#8220;. Zubeschulende. &#8222;Und jedes Wort, das er redet, wandelt die Welt, worin er sich bewegt, wandelt ihn und seinen Ort in dieser Welt&#8220;: Zubeschulende. &#8222;Darum ist nichts gleichg&uuml;ltig an der Sprache, und nichts so wesentlich wie die Art und Weise, in der ein Mensch sich ausdr&uuml;ckt. Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen.&#8220; Zubeschulende: In ein modernes &#8222;W&ouml;rterbuch des Unmenschen&#8220; geh&ouml;rt dieses Abscheu erregende Wort, in dem sich entseeltes b&uuml;rokratisches Denken ausdr&uuml;ckt, das Menschen zu Sachen macht.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wer von &#8222;Zubeschulenden&#8220; spricht, st&uuml;lpt den Sch&uuml;lern eine b&uuml;rokratische Schule &uuml;ber. Er kann keine Menschen mehr wahrnehmen, keine Kinder mit Freuden und N&ouml;ten, mit &Auml;ngsten und W&uuml;nschen. In einem &#8222;Beschulungsproze&szlig;&#8220; st&ouml;ren humane Lehrer wie Wunibald Heigl. Denn sie wollen Menschen nicht zu &#8222;Zubeschulenden&#8220; deformieren. Sie lassen sich ihr p&auml;dagogisches Gewissen nicht verbieten.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Schulische Erziehung als helfende Beziehung<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Eltern wissen, wie zerst&ouml;rerisch Schule in den Familienalltag eindringen kann: Wenn Kinder ge&auml;ngstigt werden, Leistungsdruck sie &uuml;berfordert, die Diktatur der Schulaufgaben, Extemporalien und des Abgefragtwerdens sie in Dauerspannung versetzt. Da ist ein Gymnasiallehrer, von dem die Eltern sagen &#8211; ausgedr&uuml;ckt unter anderem durch den Elternbeirat des Werner-von-Siemens-Gymnasiums &#8211;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&#8211;&nbsp;&nbsp; da&szlig; die Kinder mit Freude in den Englisch-Unterricht gehen.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; da&szlig; sich der Lehrer in die Altersstufe hinein versetzt und den<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Anfangsunterricht behutsam und ermunternd gestaltet.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; Die Kinder werden zu Leistungen angespornt, entwickeln<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Lernbereitschaft und Arbeitswillen.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; Der Lehrer wei&szlig; um die pers&ouml;nlichkeitsbildende Kraft des<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Musischen: deshalb macht er mit den Sch&uuml;lern Theater &#8211; und die<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Eltern erkennen an, da&szlig; er dabei alle Kinder der 6. Klasse<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; einbezieht.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; &Uuml;blicherweise nimmt in der Schule das Lerninterese von Jahr<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; zu Jahr ab; diesen Eltern f&auml;llt auf, mit wieviel<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; Anstrengungsbereitschaft die Kinder den Unterricht besuchen.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; Die Pr&uuml;fungen sind nicht so angstmachend, weil die Sch&uuml;ler in<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; der Vorbereitung unterst&uuml;tzt werden.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; Die Kinder und Jugendlichen erleben das Interesse des Lehrers<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; an ihrem Lernfortschritt.<br \/>&#8211;&nbsp;&nbsp; Der Lehrer Wunibald Heigl bekommt ein Lob ausgesprochen, auf<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; das jeder Erzieher stolz sein kann: wenn die Kinder von ihm<br \/>&nbsp;&nbsp;&nbsp; sagen: &#8222;Mit dem kann man reden.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Da ist ein Lehrer, der offensichtlich nicht erzieht, sondern zu seinen Sch&uuml;lern eine Beziehung eingeht. Er &#8222;f&uuml;hrt&#8220; nicht nur, sondern &#8222;geht nach&#8220; und unterst&uuml;tzt: er st&auml;rkt das Ich der Kinder. Er praktiziert schulische Erziehung, die meine Begriffsbestimmung f&uuml;r Erziehung ausmacht, n&auml;mlich: eine helfende Beziehung.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Um die helfende Beziehung in der Schule verwirklichen zu k&ouml;nnen, brauchen wir p&auml;dagogische und demokratische Bedingungen. Deshalb leiten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die AKTION HUMANE SCHULE; Elternverb&auml;nde, der Deutsche Kinderschutzbund, die Humanistische Union und andere Initiativen ein VOLKSBEGEHREN BESSERE SCHULEN ein: f&uuml;r mehr p&auml;dagogische Freiheit, ein demokratisches Schulleben, f&uuml;r sinn-volles Lernen, kleine Klassen und verbesserte Bildungschancen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Aufrechter Gang f&uuml;r eine eigenst&auml;ndig machende Erziehung<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aber braucht man denn zu der eben beschriebenen p&auml;dagogischen Haltung Zivilcourage und &#8222;aufrechten Gang&#8220;? &#8211; Ja. Denn Wunibald Heigl praktiziert eine emanzipatorische P&auml;dagogik; und die wird derzeit viel geschm&auml;ht. Emanzipatorische Erziehung unterst&uuml;tzt die Selbstbestimmung, sie macht denkgewohnt und unabh&auml;ngig. Sie st&auml;rkt die Abwehrkraft gegen Anpassung und leitet zum kritischen Argumentieren an. Sie bef&auml;higt dazu, demokratisch zu handeln und sich politisch einzumischen. All dies wird in den Vorworten zu Schulgesetzen hoch gepriesen. Wer es jedoch in die Tat umsetzt, mu&szlig; gegen den Strom schwimmen: gegen den Strom reglementierender Vorschriften, angstmachender Druckaus&uuml;bung und auf Unterordnung beharrenden Denkens.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">So wird heute von nicht wenigen in symptom-orientierter Beschr&auml;nktheit und in ursachenorientierter Ahnungslosigkeit die emanzipatorische Erziehung f&uuml;r die Gewalt Jugendlicher verantwortlich gemacht. Dabei zeigen psychologische Erkenntnisse das Gegenteil: in ihrem Selbstwert tief verunsicherte und gest&ouml;rte Jugendliche werden gewaltt&auml;tig &#8211; nicht selbstbestimmte Jugendliche mit kritischer Wachsamkeit und eigenst&auml;ndigem Handeln.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Verleumdung der emanzipatorischen P&auml;dagogik<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es ist Mode geworden, eigenst&auml;ndig machende Erziehung zu verleumden. Sie wird als Ursache f&uuml;r Mi&szlig;st&auml;nde in der Gesellschaft angeprangert. Nicht nur konservative Politiker und Denker tun dies. Es soll offenbar abgelenkt werden von dem, was unsere durchkapitalisierte Gesellschaft mit ihrer Logik des Geldes anrichtet, wo wir dringend die Logik der Mitmenschlichkeit brauchen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Verd&auml;chtigung der emanzipatorischen P&auml;dagogik zieht sich durch vom Bundeskanzler bis zum Alt-Bundeskanzler. Dieser, Helmut Schmidt, schrieb unl&auml;ngst in der Wochenzeitung DIE ZEIT mit unglaublichem Mut zur Unwissenheit: &#8222;Die Emanzipationsp&auml;dagogik hat die Tugenden des Kompromisses und der Solidarit&auml;t in Frage gestellt. Sie hat unversehens individuelles Wohlleben, R&uuml;cksichtslosigkeit und Egoismus auf den Thron gesetzt. Die Folgen zeigen sich nun: vom r&uuml;cksichtslosen Spekulantentum in Banken, Unternehmen &#8211; Gemeinwirtschaft und Gewerkschaften eingeschlossen &#8211; bis hin zu Gewalt im Fernsehen, in der Schule und bis zur Gewalttat solcher, die nie lernen konnten, sich einzuf&uuml;gen, weil sie keine Chance hatten, echte Gemeinschaft zu erleben.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dies ist eine Widerlegung der Emanzipationsp&auml;dagogik durch Verunglimpfung. Oder sind etwa die in Serie auf ihren Eigennutz bedachten Politiker wegen emanzipatorischer Erziehung korrupt geworden? Zum Beispiel die zur&uuml;ckgetretenen Ministerpr&auml;sidenten M&uuml;nch und Sp&auml;th und Streibl. Wurden die Minister Krause oder M&ouml;llemann oder der Gewerkschaftsf&uuml;hrer Steink&uuml;hler etwa durch Konfliktp&auml;dagogik profits&uuml;chtig? Und sind die Hauptakteure der Flick-Aff&auml;re, Herr von Brauchitsch und der Ehrenvorsitzende der FDP, Graf Lambsdorff, durch die antiautorit&auml;re Erziehung kriminell geworden?\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der fr&uuml;here Bundeskanzler m&uuml;&szlig;te zudem wissen, da&szlig; Gewalt im Fernsehen nicht durch die Emanzipationsp&auml;dagogik &uuml;ber die Zuschauer hereinbrach, sondern durch die von uns gew&auml;hlten Politiker. Sie erm&ouml;glichen ein am Profit orientiertes Fernsehen, bei dem es nicht mehr um Information, um die Bildung der Menschen, um Kultur geht. Vielmehr w&uuml;rden die Profiteure am liebsten nur noch &uuml;berlegen, wie man das Werbefernsehen m&ouml;glichst wenig unterbricht &#8211; und wenn, dann durch Mord- und Totschlag-Programme und durch Filme, bei denen sich die Zuschauer bewu&szlig;tlos am&uuml;sieren: bewu&szlig;tseinslos, damit sie s&uuml;chtig konsumieren. &#8211; Die Ver&auml;chter emanzipatorischer P&auml;dagogik und Verunglimpfer der Konfliktp&auml;dagogik fordern heute mehr Autorit&auml;t. Aber die m&uuml;&szlig;ten sie halt haben, die kann man nicht einfach machen oder verordnen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der hohe Preis f&uuml;r Zivilcourage<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wunibald Heigl hat sie. Wer sich verh&auml;lt wie er, seine Meinung &ouml;ffentlich erkennen l&auml;&szlig;t und f&uuml;r seine &Uuml;berzeugung eintritt, auch wenn diese der Obrigkeit zuwider l&auml;uft, mu&szlig; allerdings mit Benachteiligung rechnen. Das ist der hohe Preis f&uuml;r Zivilcourage: keine Bef&ouml;rderung, als Kollegstufenbetreuer abgesetzt, Herabstufung der dienstlichen Beurteilung, Drohungen, pers&ouml;nliche Verd&auml;chtigungen und Nachstellungen, heimliche &Uuml;berpr&uuml;fung von Sch&uuml;lerarbeiten, Behinderung in der p&auml;dagogischen Arbeit, Entwertung durch die Vorgesetzten. &#8211; Da ist es nicht einfach, durch das Gegengewicht des Zu-sich-selbst-Stehens die Balance zu halten. Wunibald Heigl schafft das, wo manche von uns l&auml;ngst krumm &#8211; und nicht mehr aufrecht gingen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und wie h&auml;lt ein Mensch das aus? &#8211; F&uuml;r mein Buch &#8222;Zivilcourage wagen&#8220; stellte ich vielen b&uuml;rgermutigen Menschen diese Frage. Bei aller Vielfalt der Antworten gab es ein leitendes Merkmal: die &uuml;berzeugte Orientierung an menschlichen Grundwerten, an mitmenschlichen Tugenden &#8211; und der Wille, &#8222;das Rechte zu tun&#8220;. Wunibald Heigls eine Antwort macht den guten Lehrer aus: die Freude am Unterrichten, das Interesse am Lernstoff, die Beziehung zu den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern von der f&uuml;nften bis zur dreizehnten Klasse, die Lust, innerhalb einer breiten F&auml;chervielfalt zu lernen und zu lehren &#8211; kurz: Das unmittelbare Sicheinlassen mit Menschen und Sachen.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das andere, das Wunibald Heigl aufrecht h&auml;lt, klingt einfach: &#8222;Ich m&ouml;chte so handeln, wie ich denke. Wof&uuml;r ich eintrete und was ich den Sch&uuml;lern lehre, soll auch in dem was ich tue, sichtbar werden.&#8220; Sich treu zu bleiben gibt ihm Kraft, gegen den Strom schulbeh&ouml;rdlicher Einsch&uuml;chterung und Schikane zu schwimmen. Durch sein zivilcouragiertes Handeln f&uuml;hlt er sich im Einklang mit seinem Selbstbild; das st&auml;rkt den aufrechten Gang, st&uuml;tzt seine Selbstachtung und verleiht ihm &#8211; bei allen Widrigkeiten durch die Obrigkeit &#8211; das Erleben pers&ouml;nlichen Freiseins. Ihm liegt an der &#8222;Zus&auml;tzlichen Bedingung&#8220; Erich Frieds:\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wichtig ist nicht nur,<br \/>da&szlig; ein Mensch das Richtige denkt,<br \/>sondern auch, da&szlig; der, <br \/>der das Richtige denkt,<br \/>ein Mensch ist.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Von zivilcouragiertem Handeln zu politischer Einmischung<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die zivilcouragierte Einmischung Wunibald Heigls beschr&auml;nkt sich nicht auf das unmittelbare schulische Wirkungsfeld, sie m&uuml;ndet in politisches Handeln. So hat er beispielsweise dem Stadtrat einen Entwurf zugeleitet. In ihm geht es darum, eine Koordinationsstelle einzurichten zur Erziehung gegen Rassismus, Ausl&auml;nderfreund-lichkeit und Gewalt im Bereich M&uuml;nchner Schulen. Mitarbeiter einer solchen Einrichtung k&ouml;nnten Unterrichtsmaterialien ausarbeiten, Projekte von Sch&uuml;ler- und Jugendgruppen unterst&uuml;tzen, Schulen beraten, Ausstellungen aufbauen. Sie k&ouml;nnten Informationen f&uuml;r Lehrer , Erzieherinnen und Eltern vermitteln und wissenschaftliche Erkenntnisse aufbereiten zum Thema Ausl&auml;nderfreundlichkeit, Gewaltverh&uuml;tung und Rassismus. Der ausf&uuml;hrliche Vorschlag an den Stadtrat ist innerhalb des Bem&uuml;hens zu sehen, das Ganze unseres Lebens im Auge zu behalten. Nur wenn unsere Gesellschaft ges&uuml;nder wird, wenn wir f&uuml;r die Heranwachsenden die Welt so gestalten, da&szlig; es sich darin zu leben lohnt, k&ouml;nnen Menschen gewaltfrei zusammenleben.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Im Wettlauf zwischen Erziehung und Katastrophe<\/b>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Um dem n&auml;her zu kommen, brauchen wir zivilcouragierte Menschen. Denn es besteht die Gefahr, da&szlig; die Erde an der Gehorsamsbereitschaft ihrer Bewohner zu Grunde geht. Unter dem Motto &#8222;Sorge dich nicht, lebe!&#8220; laufen wir sehenden Auges in die Katastrophe: fern-sehenden Auges. &#8211; Der Historiker Paul Kennedy meint in seinem Buch &#8222;In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert&#8220;:<br \/>Die globale Gesellschaft befindet sich in einem Wettlauf zwischen Erziehung und Katastrophe. Im Unterschied zu jeder anderen Zeit in der Geschichte der Menschheit geht es heute um die &Uuml;berlebens-frage. &#8220; Die Kr&auml;fte des Wandels, denen sich die Welt gegen-&uuml;bersieht, sind so weitreichend, da&szlig; sie nichts geringeres als eine Neu-Erziehung der Menschheit erfordern.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Zu dieser Neu-Erziehung der Menschheit sind wir aufgerufen. Leitprinzip von Erziehung und Unterricht mu&szlig; die Bewahrung des Lebens sein. Das Schlagwort &#8222;Wissen ist Macht&#8220; weicht der Erkenntnis: &#8222;Wissen macht f&uuml;r die Mitwelt verantwortlich.&#8220; Wir sind herausgefordert, unser p&auml;dagogisches Gewissen nicht verstaatlichen zu lassen, sondern wach zu halten: den Gehorsam zu verweigern, wo uns Inhumanit&auml;t vorgeschrieben wird, Lernumst&auml;nde zu schaffen, in denen Hoffnung und Mut wachsen. Wir sind aufgerufen, phantasievoll &uuml;ber unsere Intelligenz zu verf&uuml;gen, uns mit moralischer &Uuml;berzeugung einzumischen &#8211; und mit der &#8222;Logik des Herzens&#8220;. Vorbilder helfen uns dabei &#8211; Vorbilder wie Wunibald Heigl. &#8211; Meine Hochachtung vor Ihrer p&auml;dagogischen Arbeit, meinen Dank f&uuml;r Ihr menschliches und politisches Engagement &#8211; auch jenen Lehrerinnen und Lehrern, die wie Sie den &#8222;aufrechten Gang&#8220; wagen, meinen Respekt vor Ihrer Zivilcourage.\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Ben&uuml;tzte Literatur:<br \/><\/b>Kennedy, P.: In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert.<br \/>Frankfurt\/Main 1993 (Fischer)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Schmidt, H.: Die Gewalt an den Wurzeln bek&auml;mpfen.<br \/>In: DIE ZEIT 1993\/29\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Singer, K.: Zivilcourage wagen &#8211; Wie man lernt, sich einzumischen. M&uuml;nchen 1992 (Piper)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sternberger, D., Storz, G., S&uuml;skind, W.E.: Aus dem W&ouml;rterbuch des Unmenschen. M&uuml;nchen 1962 (dtv)\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Referent:<br \/><\/b>Prof. Dr. Kurt Singer, Professor f&uuml;r P&auml;dagogische Psychologie und Schulp&auml;dagogik, Universit&auml;t M&uuml;nchen, Psychoanalytiker.<br \/>Heckenrosenstra&szlig;e 8, 82031 Gr&uuml;nwald bei M&uuml;nchen\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Weitere Informationen:\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1993\/\">Festakt<\/a>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1993\/ankuendigung_und_begruendung\/\">Ank&uuml;ndigung und Begr&uuml;ndung&nbsp;der Preisverleihung<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1993\/laudatio_auf_wunibald_heigl\/\">Nach oben<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Copyright Humanistische Union Prof. Dr. Kurt Singer &#8222;Freiheit und Unfreiheit von Lehrerinnen und Lehrern. 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