{"id":178,"date":"2020-08-28T12:04:17","date_gmt":"2020-08-28T10:04:17","guid":{"rendered":"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/laudatio_auf_gisela_forster\/"},"modified":"2021-08-30T15:44:52","modified_gmt":"2021-08-30T13:44:52","slug":"laudatio_auf_gisela_forster","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/preis_aufrechter_gang-1992\/laudatio_auf_gisela_forster\/","title":{"rendered":"Laudatio auf Gisela Forster"},"content":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gisela Forster, lieber Magnus, Thomas, liebe Gabriele (Claudia Doris Viktoria Emanuela Pippilotta)!<\/p>\n<p>Es gibt zwei traditionelle Grundwahrheiten, erstens, M&auml;nner sind kl&uuml;ger als Frauen, zweitens, die Erde ist eine Scheibe. Letztere wurde j&uuml;ngst stark ersch&uuml;ttert. Ereignete es sich doch, da&szlig; 350 Jahre nach dem Tode Galileis dieser nun im Jahre 1992 von Papst Johannes Paul II. in den Scho&szlig; der Kirche zur&uuml;ckgeholt wurde, &#8230;in den Scho&szlig; der Kirche .. welch treffende Beschreibung! &#8222;Voreilig und ungl&uuml;cklich&#8220; sei Galileo Galilei ge&auml;chtet worden, &#8222;aus tragischem gegenseitigen Verkennen&#8220;, so der Papst. Wir sind verunsichert, ersch&uuml;ttert, wenn Satz 2 nicht mehr gilt, was ist dann mit Satz 1? Sollte sich auch hier, bezogen auf die Kirche und ihre Einsch&auml;tzung der Frauen, eine Ver&auml;nderung, eine Umkehr anbahnen? Hier kann ich Sie beruhigen. Die Unterordnung, Unterdr&uuml;ckung, die &Auml;chtung der Frauen hat in der starren M&auml;nnerhierarchie der Kirche ohne Ver&auml;nderung ihr Fortbestehen. Durch zwei Jahrtausende, durch alle Jahrhunderte, trotz Renaissance und Revolution, trotz Aufkl&auml;rung und Humanismus, trotz Demokratie, Frauenwahlrecht und sog. Gleichberechtigung f&auml;hrt diese weltweit manifestierte M&auml;nnergesellschaft der kath. Kirche fort, die Frau zu &auml;chten und zu mi&szlig;achten. Einzig eine, die nicht mehr lebt, die durch den Makel der Geburt verschmutzt wurde, darf verehrt werden.<br \/>M&auml;nner der Kirche, die eine lebende Frau achten, sich ihr ann&auml;hern, sie lieben, werden ebenfalls ausgesto&szlig;en und ge&auml;chtet, so wie es Anselm Forster erleben mu&szlig;te. Gleichzeitig jedoch werden diese M&auml;nner von der Kirche wieder umworben. Wenn sie dieser S&uuml;nde abschw&ouml;ren, diesen Fehltritt bereuen, ja dann w&auml;re die Kirche bereit, diese reuigen M&auml;nner-S&uuml;nder wieder aufzunehmen. Wenn sie dem Scho&szlig; der Frauen abschw&ouml;ren, dann werden sie wieder in den Scho&szlig; der Kirche aufgenommen. Wenn sie der Mi&szlig;achtung der Frauen wieder Ausdruck geben, dann sind sie wieder kirchenf&auml;hig und d&uuml;rften sogar das Wort Gottes wieder verk&uuml;nden. <br \/>F&uuml;r die Frau jedoch bleibt diese Kirche verschlossen. Wie wohltuend und erfreulich, da&szlig; wir heute hier beisammen sind zur Preisverleihung &#8222;Aufrechter Gang&#8220; der Humanistischen Union an Gisela Forster. Der HU herzlichen Dank f&uuml;r diese Entscheidung! Der Lebenslauf von Gisela Forster offenbart eine typische Frauen-Vita: mehrere Ausbildungen, Abschl&uuml;sse, hochqualifiziert, trotzdem ist die Karriere unterbrochen, umgeleitet, der Drahtseilakt mit drei Kindern &#8211; haben diese genug Aufmerksamkeit? &#8211; ein Durchtauchen durch die gewaltigen Anspr&uuml;che der Kindererziehung und des Berufs, daneben der starke Wunsch, ein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten &#8230; Gisela Forster, geboren 1946 in M&uuml;nchen, aufgewachsen in Berg, Wangen, Schlagenhofen, alle im Landkreis Starnberg, und in M&uuml;nchen. Erster Berufswunsch, Ministerin in Bonn, am liebsten f&uuml;r Wohnungsbau, um die Wohnungsmisere zu beenden und den Wohnr&auml;umen wieder einen neuen Ausdruck zu geben. Zwei Studien, Kunsterziehung an der Akademie der Bildenden K&uuml;nste in M&uuml;nchen, Ingenieurstudium an der TU. Zwei Abschl&uuml;sse, Kunsterzieherin f&uuml;r Gymnasien, Diplom-Ingenieurin. Statt Karriere das erste Kind. Um Beruf und Familie zu vereinbaren, T&auml;tigkeit als t&auml;glich praktiziert wird.<\/p>\n<p>Neben der automatischen Zuf&uuml;hrung der Kirchensteuer &uuml;ber das &ouml;ffentliche Steuersystem zahlt der Freistaat Bayern den Konkordatsvereinbarungen von 1964, 1979 und 1980 entsprechend derzeit j&auml;hrlich &uuml;ber 110 Millionen DM an Geh&auml;ltern und Sachkostenzusch&uuml;ssen. Im Haushalt des Freistaates liest sich das dann so: 1,14 Mio DM f&uuml;r die Jahresrenten der Erzbisch&ouml;fe und Bisch&ouml;fe, 160.000 DM Gehaltszulagen f&uuml;r zw&ouml;lf Weihbisch&ouml;fe, 1,67 Mio DM f&uuml;r die Jahresrente der Dignit&auml;re, 6,15 Mio DM f&uuml;r die Jahresrenten der Kanoniker usw .. Die Unterhaltszahlungen f&uuml;r die Kinder der Kirche sind nirgends zu finden. 1987 forderten DIE GR&Uuml;NEN eine symbolische K&uuml;rzung dieser Mittel um 10.000 DM, um darauf aufmerksam zu machen, in welchem Umfang die Kirche &uuml;ber die Kirchensteuer und die Finanzierung der kirchlichen Einrichtungen hinaus bezuschu&szlig;t wird. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Und dies, obwohl nach unserem Verst&auml;ndnis die Finanzierung der Geh&auml;lter der Kirchendiener eigentlich eine origin&auml;re Aufgabe der Kirchen ist. <br \/>Daneben m&uuml;ssen weitere Finanzierungen durch allgemeine Steuermittel angesprochen werden, z.B. die Mitfinanzierung der nichtstaatlichen Theologenausbildung, die Finanzierung der Katholischen Universit&auml;t Eichst&auml;tt zu ca. 90 %, die Finanzierung der Geh&auml;lter der Lehrerinnen an kirchlichen Schulen, die Finanzierung von Kinderg&auml;rten, Krankenh&auml;usern, Altenheimen zu 80-90 %. Wobei dies durchaus wichtige Einrichtungen sind, ohne die das Sozialnetz des Staates v&ouml;llig zusammenbrechen w&uuml;rde. Nur, es ist zu sehen, da&szlig; auch hier eine &ouml;ffentliche Finanzierung erfolgt. Die Kirchensteuer selbst wird zu weniger als 10 %, wie die Humanistische Union im Dezember &#8217;90 dargelegt hat, f&uuml;r soziale Zwecke eingesetzt. Gleichzeitig wissen wir auch, da&szlig; in manchen dieser Einrichtungen durchaus oft gro&szlig;z&uuml;giges und wertvolles menschliches Handeln seinen Raum hat, besser als in so manchen staatlichen Einrichtungen.<br \/>&nbsp;<br \/>Die Verflechtung von Kirche und Staat mu&szlig; auch aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden. Ist es nicht gerade die finanzielle Abh&auml;ngigkeit, die die Kirche gegen&uuml;ber dem Staat mundtot und politisch h&ouml;rig macht? Diese Verflechtung macht es f&uuml;r die Kirche unm&ouml;glich, klar und deutlich auf politische Entwicklungen zu reagieren. Was ist mit dem Schweigen der Kirche zur lebenszerst&ouml;renden Atomtechnologie, zur sch&ouml;pfungsverachtenden Gentechnologie, zur klimazerst&ouml;renden Verkehrs- und Energiepolitik? Den gegenw&auml;rtig verantwortlichen Politikern ist dies nur zu recht. Im Gegenzug kann die Frauendiskriminierung mit weiterer staatlicher Unterst&uuml;tzung bzw. Duldung rechnen. Wann begreift die Kirche, da&szlig; nur die Trennung von Kirche und Staat ihr wieder die notwendige Freiheit und Glaubw&uuml;rdigkeit geben kann? M&uuml;&szlig;te die Trennung von Kirche und Staat nicht oberstes Anliegen der Kirche selbst sein? Angesichts der Aussagen des neuen Weltkatechismus, angesichts des Festhaltens der Kirche am Z&ouml;libat, am Verbot der Empf&auml;ngnisverh&uuml;tung und des vorehelichen Geschlechtsverkehrs, am Verbot des Schwanger-schaftsabbruchs, angesichts des Nein der Kirche zur Priesterinnenweihe der Frauen &#8211; und wir erinnern uns, da&szlig; die Entscheidung der Anglikanischen Kirche, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, als &#8222;neues und schwerwiegendes Hindernis auf dem Weg zur Vers&ouml;hnung&#8220; bezeichnet worden ist &#8211; bleibt uns nur festzustellen: Wir sind froh, da&szlig; es Menschen wie Gisela Forster gibt. Wir w&uuml;nschen ihr weiterhin viel Kraft und Energie, viel Durchhalteverm&ouml;gen und weiterhin den &#8222;Aufrechten Gang&#8220; gegen&uuml;ber allen Instanzen und Hierarchien.<\/p>\n<p><i>Ruth Paulig, MdL DIE GR&Uuml;NEN<\/i><\/p>\n<p><b>Weitere Informationen:<\/b><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1992\/#1089\">Festakt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1992\/rede_der_preistraegerin\/#4212\">Rede von Gisela Forster<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/preis_aufrechter_gang\/1992\/rede_der_preistraegerin\/#4212\">Ank&uuml;ndigung und Begr&uuml;ndung der Preisvergabe<br \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gisela Forster, lieber Magnus, Thomas, liebe Gabriele (Claudia Doris Viktoria Emanuela Pippilotta)! 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