{"id":1520,"date":"2020-11-23T12:00:00","date_gmt":"2020-11-23T11:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-meilenstein-fuer-die-meinungsfreiheit\/"},"modified":"2021-08-30T15:45:09","modified_gmt":"2021-08-30T13:45:09","slug":"ein-meilenstein-fuer-die-meinungsfreiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-meilenstein-fuer-die-meinungsfreiheit\/","title":{"rendered":"Ein Meilenstein f\u00fcr die Meinungsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>Das <a href=\"https:\/\/www.vgh.bayern.de\/media\/bayvgh\/presse\/4_b_19-1358_bds.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) vom 17. November 2020<\/a> im Rechtstreit zwischen dem M&uuml;nchner B&uuml;rger Klaus Ried und der Stadt M&uuml;nchen (&bdquo;Ried-Urteil&ldquo;) ist ein Meilenstein im Kampf f&uuml;r das Grundrecht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung.<\/p>\n<p>Der VGH hat mit gro&szlig;er Klarheit ausgesprochen, dass der Kl&auml;ger einen Rechtsanspruch auf &Uuml;berlassung eines st&auml;dtischen Veranstaltungssaales (&bdquo;&ouml;ffentliche Einrichtung&ldquo; im Sinne des Art. 21 Absatz 1 Satz 1 GO) f&uuml;r eine geplante &ouml;ffentliche Podiumsdiskussion hat. Als Thema der Veranstaltung war vorgesehen &bdquo;Wie sehr schr&auml;nkt M&uuml;nchen die Meinungsfreiheit ein? &ndash; Der Stadtratsbeschluss vom 13. Dezember 2017 und seine Folgen&ldquo;.<\/p>\n<p>Nach diesem Beschluss sollen alle Bewerber, die sich in einer geplanten Veranstaltung &bdquo;mit den Inhalten, Themen und Zielen der BDS-Kampagne befassen, diese unterst&uuml;tzen, diese verfolgen oder f&uuml;r diese werben&ldquo; zwingend von der Raumvergabe in st&auml;dtischen Einrichtungen ausgeschlossen sein.<\/p>\n<p>Die weltweite BDS-Kampagne (Boykott, Divestment and Sanctions) wird von vielen Personen und Organisationen getragen. Sie weist keine festen organisatorischen Strukturen auf. Ihr erkl&auml;rtes Ziel ist es, mit gewaltfreien Mitteln den Pal&auml;stinensern zu ihrem Recht zu verhelfen, insbesondere die israelische Besatzung und Kolonialisierung zu beenden.<\/p>\n<p>Der VGH hat nun klargestellt, dass die vom Kl&auml;ger beantragte Raum&uuml;berlassung auf der Grundlage des Stadtratsbeschlusses vom 13. Dezember 2017 nicht ausgeschlossen werden kann. Nach Auffassung des Gerichts verst&ouml;&szlig;t dieser Beschluss gegen das Grundrecht der Meinungsfreiheit (Art. 5 Absatz 1 Satz 1 GG) und gegen den allgemeinen Gleichheitssatz (Art.3 Absatz 1 GG). Die Stadt sei nicht befugt, &bdquo;Bewerbern allein wegen zu erwartender unerw&uuml;nschter Meinungs&auml;u&szlig;erungen den Zugang zu ihren &ouml;ffentlichen Einrichtungen zu verwehren.&ldquo; Dies h&auml;tte n&auml;mlich zur Folge, dass zur Streitfrage &uuml;berhaupt kein &ouml;ffentlicher Meinungsaustausch mehr stattfinden k&ouml;nne.<\/p>\n<p>Der von der Stadt verf&uuml;gte generelle Ausschluss von Veranstaltungen zur BDS-Kampagne sei rechtswidrig, weil nicht erkennbar ist, dass solche Veranstaltungen mit der Gefahr der Begehung von strafbaren Handlungen verbunden sind. Von einer konkreten Rechtsgutgef&auml;hrdung, die eine staatliche Schutzpflicht ausl&ouml;sen w&uuml;rde, k&ouml;nne bei der BDS-Kampagne nicht gesprochen werden. Es best&uuml;nden keine Anhaltspunkte daf&uuml;r, dass diese Kampagne eine &bdquo;gezielte Stimmungsmache gegen die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung in Deutschland oder gar ein Aufstacheln zum Hass gegen diese Bev&ouml;lkerungsgruppe umfassen k&ouml;nnte.&ldquo; Allein die Einsch&auml;tzung der Stadt, es bestehe eine antisemitische Grundtendenz, k&ouml;nne den Zugang zu kommunalen Einrichtungen nicht ausschlie&szlig;en.<\/p>\n<p>Au&szlig;erdem liege ein Versto&szlig; gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz vor. Werde n&auml;mlich eine &ouml;ffentliche Einrichtung f&uuml;r Veranstaltungen zu allgemeinpolitischen Fragen zur Verf&uuml;gung gestellt, so d&uuml;rften nicht nur &ndash; nach Art eines Tendenzbetriebs &ndash; die vom Einrichtungstr&auml;ger gebilligten Themen und Meinungen zugelassen werden.<\/p>\n<p>Es ist dem Gericht hoch anzurechnen, dass es der Versuchung widerstanden hat, sich dem politischen Mainstream anzupassen. Bekanntlich hat der Deutsche Bundestag am 17. Mai 2019 einen gemeinsamen Antrag von CDU\/CSU, SPD, FDP und B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen mit dem Titel &bdquo;BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten &ndash; Antisemitismus bek&auml;mpfen&ldquo; angenommen. L&auml;nder, St&auml;dte und Gemeinden sowie alle &ouml;ffentlichen Akteure wurden aufgerufen, sich dieser Haltung anzuschlie&szlig;en. Bereits im Vorfeld hatten zahlreiche St&auml;dte beschlossen, der BDS-Kampagne jede finanzielle Unterst&uuml;tzung zu entziehen und die Vergabe von kommunalen R&auml;umen zu verweigern.<\/p>\n<p>In dieser politisch aufgeladenen Situation bedarf es eines hohen Ma&szlig;es an richterlicher Unabh&auml;ngigkeit, sich sachfremden Einfl&uuml;ssen zu entziehen. Das &bdquo;Ried-Urteil&ldquo; zeigt, dass sich der VGH streng am Recht orientiert haben. Damit hat er das Grundrecht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung entscheidend gest&auml;rkt. Insofern ist das Urteil wegweisend f&uuml;r andere anstehende Verfahren.<\/p>\n<p>Verwunderlich ist nur, dass das Urteil davon ausgeht, der Kl&auml;ger habe eine Veranstaltung zum Thema BDS geplant. Dieser hat n&auml;mlich durchgehend und unmissverst&auml;ndlich betont, dass eine Podiumsdiskussion zur Meinungsfreiheit und zur Problematik des Stadtratsbeschlusses vom&nbsp; 13. Dezember 2017 vorgesehen sei. Diese Ver&auml;nderung des Sachverhaltes (Tatbestand des Urteils) durch das Gericht ist jedoch im Ergebnis unsch&auml;dlich. Denn wenn es in st&auml;dtischen R&auml;umen erlaubt ist, sogar &uuml;ber den &bdquo;heiklen&ldquo; Streitstoff BDS zu diskutieren, dann gilt das erst recht f&uuml;r eine Diskussion &uuml;ber die vergleichsweise &bdquo;harmlosen&ldquo; Themen Meinungsfreiheit und Stadtratsbeschluss. Der Kl&auml;ger wird hierdurch nicht beschwert, so dass seine Beanstandung der gerichtlichen Pressemitteilung letztlich ins Leere geht.<\/p>\n<p>Unerfreulich aus Kl&auml;gersicht ist jedoch, dass ihn das Gericht auf den verkehrstechnisch ung&uuml;nstigen Veranstaltungsort B&uuml;rgersaal F&uuml;rstenried verwiesen hat. Hierin liegt allerdings kein Rechtsfehler, denn diese Entscheidung entspricht w&ouml;rtlich einem nachtr&auml;glich gestellten Hilfsantrag des Kl&auml;gers.<\/p>\n<p>Nachvollziehbar ist auch, dass das Gericht den vorrangig gestellten Antrag auf Vermietung eines Saals &bdquo;in einem anderen st&auml;dtischen Raum&ldquo; abgewiesen hat. Der Senat hat den anwaltlich vertretenen Kl&auml;ger in der m&uuml;ndlichen Verhandlung ausdr&uuml;cklich darauf hingewiesen, dass es diesen Antrag als &bdquo;zu unbestimmt&ldquo; erachte. Dier Kl&auml;gerseite hat offensichtlich vers&auml;umt, den Antrag inhaltlich zu konkretisieren. Das w&auml;re dringend angeraten gewesen, weil insoweit bereits das Verwaltungsgericht Bedenken ge&auml;u&szlig;ert hatte.<\/p>\n<p>Diese Nachl&auml;ssigkeit &auml;ndert jedoch nichts daran, dass mit dem Urteil eine rechtsstaatlich wichtige grunds&auml;tzliche Kl&auml;rung erzielt worden ist: Der Kl&auml;ger hat gegen seine Stadt einen Rechtsanspruch auf Raum&uuml;berlassung.<\/p>\n<p>Es ist befremdlich, dass die Stadt M&uuml;nchen sofort Revision angek&uuml;ndigt hat, ohne die Urteilsgr&uuml;nde im Detail zu &uuml;berpr&uuml;fen. Letzteres w&auml;re von einer mit Steuermitteln prozessierenden Partei zu erwarten. Eine sorgf&auml;ltige Pr&uuml;fung ist auch deshalb geboten, weil das Urteil sehr eingehend begr&uuml;ndet ist.<\/p>\n<p>Entscheidend aber ist, dass schon jetzt erkennbar ist, dass die Erfolgsaussichten einer Revision gering sind. Das ergibt sich aus drei prozessrechtlichen &Uuml;berlegungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Der VGH hat den Rechtsanspruch des Kl&auml;gers tragend auf den Art. 21 Abs. 1 Satz 1 der Gemeindeordnung gest&uuml;tzt. Bei diesem Gesetz handelt es sich um &bdquo;Landesrecht&ldquo;. &sect; 137 der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) bestimmt jedoch, dass die Revision nur darauf gest&uuml;tzt werden kann, dass das angefochtene Urteil auf der Verletzung von &bdquo;Bundesrecht&ldquo; beruht. Das bedeutet, dass die tragenden &Uuml;berlegungen des VGH einer &Uuml;berpr&uuml;fung im Revisionsverfahren von vorneherein nicht zug&auml;nglich sind.<\/li>\n<li>Soweit im Urteil erg&auml;nzend auf die Grundrechte (Art. 5 GG, Art. 3 GG) Bezug genommen worden ist, handelt es sich rechtstechnisch um Hilfserw&auml;gungen, die nicht entscheidungserheblich sind und somit generell nicht zum Erfolg der Revision f&uuml;hren k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Abgesehen davon stehen diese Begr&uuml;ndungspassagen mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesverwaltungsgerichts im Einklang.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So gesehen w&auml;re es ein Zeichen b&uuml;rgerschaftlichen und demokratischen Denkens, wenn die Stadt ihren bisher gezeigten juristischen Starrsinn zur&uuml;ckstellen w&uuml;rde und dem Kl&auml;ger nach fast drei Jahren des Streitens endlich das gibt, was ihm rechtlich zusteht, n&auml;mlich einen Veranstaltungsraum. Das w&auml;re zugleich eine ehrenvolle Verbeugung vor dem Rechtsstaat und dem Grundrecht der Meinungsfreiheit.<\/p>\n<p>Dies liegt auch im wohlverstandenen Interesse der j&uuml;dischen und israelischen Mitb&uuml;rger. Ein wilder Parforceritt der Stadt am Rande oder jenseits der Legalit&auml;t tr&auml;gt nicht zur Deeskalation etwaiger antisemitischer Ressentiments bei. Das aber sollte den Stadtratsfraktionen und dem Oberb&uuml;rgermeister wichtiger sein als eine spekulative Hoffnung auf einen unwahrscheinlichen Prozesserfolg in ferner Zukunft.<\/p>\n<p>Innehalten und nachdenken ist das Gebot der Stunde.<\/p>\n<p>Peter Vonnahme <br \/>Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof i. R.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[176],"autoren":[298],"publikationen":[],"class_list":["post-1520","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-muenchen-artikel","autoren-peter-vonnahme"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein Meilenstein f\u00fcr die Meinungsfreiheit - HU Bayern<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/suedbayern.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-meilenstein-fuer-die-meinungsfreiheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein Meilenstein f\u00fcr die Meinungsfreiheit - HU Bayern\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs (VGH) vom 17. 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