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Totale Gleich­schal­tung im Bayeri­schen Rundfunk - Eine liberale Sen¬dung wird auf CSU-Linie getrimmt

05. Mai 1980

„Wir haben bisher in den Medien den einzelnen Menschen, die dort arbeiten, die Freiheit gelassen, ihre subjektive Meinung auszubreiten, wie sie wollten …. Wir müssen da eine Umkehr herbeiführen, und dieses Umdenken, das wird einen harten Kampf kosten.“ – aus der Sendung „Das Notizbuch“ des BR (vom 21.4.). Treffender läßt sich die Situation eben dieser Sendung nicht darstellen: Noch vor ein paar Monaten galt die Vormittagssendung „Das Notizbuch“ als eine der letzten Bastionen liberaler Berichterstattung im BR, sie war gern gehört und weit über Bayern hinaus bekannt, paßte aber nicht in Strauß‘ Rundfunkkonzept. Seit Jahren schon kämpfen CSU und konservative Verbände gegen die Sendung an. Als nun zum 1.Januar die Leiterin des :B1amilienfunks, der für das „Notizbuch“ zuständig ist, in Pension ging, wurde nicht etwa eine der sich bewerbenden qualifizierten Journalistinnen berufen – wofür sich die Mitarbeiter ausgesprochen hatten-, sondern ein Mann, der sich nicht beworben hatte, und dem jede Programmerfahrung in diesem Bereich fehlte, der aber dafür der CSU gewogen war: Udo Reiter.
Und Reiter ging zügig an das ihm aufgetragene Werk: _Von Sendung zu Sendung glich er das Notizbuch an das BR Durchschnittsniveau an. Nach den beiden ersten Reiter-Monaten zog der Evangelische Presse¬dienst Resumee: „Die alte Qualität verplätschert sich … Der Abstieg ist unüberhörbar“; man konstatierte ein „Abrutschen in die Unverbindlichkeit“. Und ein Arbeitskreis der Humanistischen Union (HU), der sich näher mit den Notizbuch-Sendungen befaßte, kam zu folgendem Ergebnis:“… Die Sendungen werden in zunehmendem Maße langweiliger, weil weniger Aktuelles gesendet wird, weil kaum noch Betroffene zu Wort kommen, sondern eher ‚Obrigkeit‘, weil Ausgewogenheit mit Meinungslosigkeit verwechselt wird … Zu bestimmten Themen allerdings wird durchaus nicht ‚ausgewogen‘ informiert, sondern sehr einseitig tendenziös; besonders deutlich kommt dies bei den Fragen der und den Zusammenfassungen der Kommentatoren -zum Ausdruck ….“ Als Beispiele nennt der HU-Arbeitskreis u. a. die Sendungen „1oo Jahre Psychoanalyse“, „§ 218 – soziale Indikation“, „Kommunisten in den Gewerkschaften“ und „Nur-Hausfrau“.
In der letztgenannten Sendung stellte die von Reiter neu eingestellte Redakteurin Hannelore Beekmann ihrem Interviewpartner (Hans Kilian) folgende Frage: „Was kann man denn nun tun, um das Dienen der Frau in· der Familie zugunsten der Familie wieder aufzuwerten und der Frau wieder Selbstgefühl zu geben, daß sie auf dem rechten Weg ist?“ Und Hans Kilian antwortete also: „Es geht um eine Revolution der Werte, wenn Sie so wollen … Ich glaube, daß wir unser Bildungswesen ändern müssen.
Ich glaube, daß wir in den Medien Erhebliches verändern können. Und diesem Glaubensbekenntnis ließ Kilian die eingangs zitierten Erkenntnisse folgen.

Neben den Reiter- und CSU-Günstlingen gibt es aber noch die „Alten“, die Notizbuch-Mitarbeiter aus der Vor-Reiter-Zeit. Es spricht für sie,  daß sie den neuen Stil nicht mitmachen. Und Udo Reiter versucht mit allen möglichen Mitteln, diese aus der Sendung zu verdrängen und kaltzustellen. Als ihr exponiertester Vertreter gilt Gert Heidenreich, der seit 12 Jahren das Notizbuch mitprägt. Er sollte nun als erster geschaßt werden. Den aktuellen Anlaß fand Reiter in einem Artikel des der CSU mehr als nahestehenden Münchner Merkur (Chefredakteur Pucher: Strauß ist „unangefochtener Meister aller Klassen“!), die in ihrer Ausgabe in bester BILD-Manier von einen Diskussionsabend der HU mit Gert Heidenreich und zwei weiteren Notizbuchmitarbeitern „berichtete“: Man verschwieg geflissentlich, daß es sich um eine öffentliche, auch in der Presse (allerdings nicht im Merkur) angekündigte Veranstaltung handelt zu der jedermann, auch der Verfasser des ominösen Artikels, ungehindert Zugang hatte; der machte daraus eine Zusammenkunft von „Eingeweihten“, die sich „in den Räumen der Humanistischen Union (HU) hinter einer Tür mit dem knallroten Plakat ‚Stoppt Strauß'“ getroffen hätten, um Böses gegen Reiter zu sinnen, ja an ihm „Rache“ nehmen wollten: „Die Runde erweckte den Eindruck, Stoßtrupp eines agitationsfreudigen Verschwörerzirkels zu sein“. Die „Gruppe um Gerd Heidenreich“ wird als „harter linker Kern der ‚Notizbuch‘-Mitarbeiter, gefördert von einem speziellen Arbeitskreis der HU“ vorgestellt.
Am Tag nach Erscheinen dieses Artikels machte Udo Reiter – wie er selbst sagte – „reinen Tisch“: er verkündete, daß Gerd Heidenreich·nicht mehr länger beim „Notizbuch“ beschäftigt werde, und bekam dafür Rückendeckung beim Programmdirektor. Doch Heidenreich hat nicht vor, Klein beizugeben. Er klagt – mit Rechtsbeistand der RFFU – gegen dieses Berufsverbot, das aus rein politischen Erwägungen heraus erfolgt ist; Reiter·selbst hat ihm nämlich „berufliche Qualität“ bescheinigt.