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Auszeich­nung für 'aufrechten Gang'

15. Juni 2008
Datum: Donnerstag, 12. Juni 2008
Auszeichnung für 'aufrechten Gang'

Eine kleine grüne Figur, einem Kaktus ähnlich mit reich­lich Stacheln, mit roten Schuhen, roter Kopfbe­de­ckung und einem dicken „Grund­ge­setz“unter dem Arm ist am Donnerstag abend, den 12.Juni 2008 im Münchner Kultur­zen­trum Gasteig von Professor Dr. Hering (HU) aus seiner gestreiften Verpa­ckung befreit worden. Diese Figur ist als Preis ‚Aufrechter Gang‘ seit 1988 vom Ortsver­band München der Humanis­ti­schen Union bereits 12 mal verliehen worden an mutige Menschen, die den Geist des Grund­ge­setzes vertei­digen. MIt der Verlei­hung des aufrechten Kaktus-­Men­schen soll auch anderen Menschen Mut gemacht werden, für ihre Rechte – aber auch für die hilfloser anderer – einzu­treten, um so an einer leben­digen politi­schen Zukunft mitzu­a­r­bei­ten. In diesem Jahr ging die Auszeich­nung an Frau Haupt­feld­webel Chris­tiane Ernst-­Zettl.

In die Black Box des Münchner Kultur­zen­trums ertönten leise aus dem Hinter­grund von einer benach­barten Veran­stal­tung die Chöre der „Carmina Burana“ herein, als Professor Hering den Zuhörern und Zuhöre­rinnen die Bedeu­tung des Preises „Aufrechter Gang“ erläu­terte und die Grußadresse des Arbeits­kreises „Darmstädter Signal“ vorlas. Für die Laudatio hatte die Humanis­ti­sche Union den ehema­ligen Berufs­sol­daten der Bundes­wehr im Rang eines Majors, Florian Pfaff , gewählt, der im März 2003 bundes­weit Schlag­zeilen machte, weil er seinen Einsatz im Irakkrieg aus Gewis­sens­gründen verwei­gerte.

Vom Sitten­ver­fall in der Bundes­wehr

Florian Pfaff ist inzwi­schen in der Friedens­be­we­gung engagiert und ruft ganz beson­ders Soldaten auf, in Angriffs­kriegen den Gehorsam zu verwei­gern. In seiner frei gehal­tenen Rede zu Ehren der Ausge­zeich­neten erklärte er dem Publikum die Proble­matik und Beson­der­heit des Falles Chris­tiane Ernst-­Zettl. Weil sie sich als Vorge­setzte und Sanitäts­feld­webel der Bundes­wehr persön­lich für die Einhal­tung der Regeln des Humani­tären Völker­rechts im friedens­si­cherndem Einsatz der Bundes­wehr in Afgha­nistan verant­wort­lich fühlte, wurde sie mit einer Diszi­pli­na­r­buße und straf­weisen Rückver­set­zung nach Deutsch­land belegt.

Im Einsatz als Sanitäts­feld­webel erhielt sie Order, bewaffnet Perso­nen­kon­trollen an afgha­ni­schen Frauen vorzu­nehmen, die im ISAF-­Camp Warehouse in Kabul als lokale Arbeits­kräfte beschäf­tigt sind. Hierzu sollte sie gleich­falls ihre Rot-Kreuz-Arm­binde ablegen, woraufhin Ernst-­Zettl beim Siche­rungs­zug­führer, einem Oberleut­nant, vorstellig wurde, um ihm zu melden, dass sie im Sinne des humani­tären Völker­rechts Nicht­kom­bat­tant sei und daher für Siche­rungs­auf­gaben nicht einge­setzt werden dürfe. Allein für ihre Meldung und den damit verbun­denen Versuch, sich an die Bestim­mungen der Genfer Konven­ti­onen zu halten, wurde die Soldatin mit einer Diszi­pli­na­r­buße von 800 Euro belegt und „repa­tri­iert“, das bedeutet, straf­weise nach Deutsch­land zurück­kom­man­diert.

Die Begrün­dung dafür wirkt bizarr: Sie hätte mit ihrem Verhalten den Siche­rungs­zug­führer verun­si­chert und so den ordnungs­ge­mäßen Diensta­blauf behin­dert. Die Richter des Militär­ge­richtes, das diesen Fall beurteilen mußte, sahen in ihrem Handeln einen Missbrauch ihrer Rechte zu Lasten eines Kameraden“, warfen ihr vor, den Dienst­be­trieb gestört zu haben, und attes­tierten ihr obendrein, dass ihr Handeln „ein bedenk­li­ches Licht auf ihren Charakter“ werfe. Keine Anstren­gung verschwen­deten die Militär­ju­risten freilich auf die Frage nach der völker­recht­li­chen Zuläs­sig­keit des Einsatzes von Bundes­wehr-Sa­ni­täts­sol­daten zu Wach- und Siche­rungs­auf­gaben bei inter­na­ti­o­nalen Einsätzen.

Die Auszeich­nung „Aufrechter Gang“ gebührt, so Florian Pfaff, Chris­tine Ernst-­Zettl für ihren unerschro­ckenen Einsatz für die Wahrung des Völker­rechts, der sie inzwi­schen auch auf den Weg vors Bundes­ver­wal­tungs­ge­richt gebracht hat. Der ehema­lige Major Pfaff schil­derte anhand dieses Falles und anderer Fälle anschau­lich die negativen Verän­de­rungen in der Bundes­wehr weg von einer reinen Vertei­di­gungs­armee hin zu einer Armee, die immer öfter humani­täres Völker­recht ignoriert und aktiver Teil bei Angriffs­kriegen wird. Und dass es dagegen Wider­spruch zu leisten gilt!

Sorge um die Einhal­tung des Völker­rechts

In ihrer Dankes­rede verwies Chris­tine Ernst-­Zettl darauf, dass sie nichts Beson­deres geleistet hätte, sondern sich ledig­lich auf Paragraf 10, Absatz 4, Solda­ten­ge­setz berufen und um Einhal­tung des Völker­rechts, der Menschen­rechte und des Genfer Abkom­mens von 1949 gebeten. Sie fühle sich als Sanitäts­sol­datin auch der Idee des Henry Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes und Wegbe­reiter des humani­tären Gedan­kens verpflich­tet. Den ihr überreichten Preis betrachte sie als Ehre und Ermuti­gung, ihren Weg weiter zu gehen und weiter zu kämpfen.

Nach der feier­li­chen Übergabe und den Reden folgte über die Hälfte der Besucher/innen der herzli­chen Einla­dung der Humanis­ti­schen Union ins benach­barte Restau­rant zum gesel­ligen Beisam­men­sein bei Wein und Finger­food, wo noch munter weiter disku­tiert wurde.

Mutig und wichtig ist es, dass Chris­tine Ernst-­Zettl für dieses humanis­ti­sche Anliegen weiter kämpft. Und doch sollen alle Pazifisten auch nach dieser bemer­kens­werten Demon­s­tra­tion von Zivil­cou­rage weiterhin unermüd­lich im Einsatz auch dafür sein, dass es zwar utopisch, aber wünschens­wert ist, dass keiner hingeht, wenn Krieg ist und sich erst gar keiner dafür ausbilden läßt. Die Humanis­ti­sche Union als aktive Bürger­rechts­or­ga­ni­sa­tion seit 1961 hat auch diesen Ansatz mit der Preis­trä­gerin Gerti Kiermeier 1997 entspre­chend gewür­digt, die als Mitglied der Deutschen Friedens­ge­sell­schaft vor Gericht das Recht erstreiten muß, sagen zu dürfen, dass Soldaten „poten­ti­elle Mörder“ sind. Die HU verweist hier auf den Pazifisten und Atheisten Bertrand Russell, der 1940 wegen seiner öffent­lich geäußerten Meinung eine Profes­so­ren­stelle nicht antreten konnte: „(…) Es ist ein wesent­li­cher Zug der Demokratie, daß mächtige Gruppen und selbst Mehrheiten gegen­über anders denkenden Gruppen – und seien sie noch so klein – Toleranz üben, wie sehr ihnen deren Ansichten auch zuwider sein mögen. In einer Demokratie müssen die Menschen lernen, dieses zu ertragen“(…). Mit Menschen wie Chris­tine Ernst-­Zettl, mit Florian Pfaff, mit Gerti Kiermeier und den vielen Mutigen und Aktiven aus der Humanis­ti­schen Union kommen wir diesem Ideal Zug um Zug näher!“