Rede des Preisträgers Hannes Fischer

 

Zuallererst möchte ich hinweisen auf einen einjährigen Geburtstag: am 9.0kt 89 fand in der DDR die größte Demonstration seit dem 17. Juni 53 statt - in Leipzig ziehen 70.000 Menschen nach den Montags-Friedensgebeten in den Kirchen über den Karl-Marx-Ring. Diese Demo war ein wichtiger Meilenstein in der gewaltfreien Revolution in der DDR. Diese gewaltfreie Demonstration, die Zivilen Ungehorsam (ZU) darstellte, wurde trotz der massiven Einschüchterungsversuche des Stasi-Apparates durchgeführt.
Oder nicht trotzdem, sondern gerade deswegen?
Das soll auch die Botschaft aller Friedensbewegten sein: Die Einschüchterungsversuche der Regierungen werden fehlschlagen und uns nicht stoppen bei unserer gewaltfreien Arbeit für den Frieden.
Gerade hat der Hartmut Bäumer die Laudatio gehalten - damit bin ich, der diesjährige Preisträger, eigentlich vorgestellt. (Ich fühle mich eigentlich nicht so als der Auserwählte, sondern als der Stellvertreter aller, die ZU leisteten gegen Völkermordwaffen). Und könnte mich in dieser Rede beschränken auf eine Schilderung von Perspektiven - meiner ganz persönlichen Perspektiven und evtl. einiger der nationalen Politik.
Doch ich spreche erstmal von der Vergangenheit. Von meiner friedenspolitischen Vergangenheit. Denn für mein friedenspolitisches Handeln ist mir ja dieser Preis "Aufrechter Gang" verliehen worden von dem Münchner Ortsverband der HU.
Ich werde in dieser Rede einige Friedensbewegungs-Begriffe verwenden, ohne sie groß zu erklären. Das deshalb, weil wir uns in dem gleich folgenden Rundgespräch unterhalten werden über ZU, Gewaltfreien Widerstand, usf. Und weil ja hier Informationsmaterial ausgelegt ist, z.B. mein Bericht über meine Gefängniszeit von 1989. Auch hat Hartmut Bäumer eben ja Einiges erklärt.
Meine Vergangenheit in der Friedensbewegung,  das fängt 1984 an. Aber halt - ich will nicht Altbekanntes aufkochen, es höchstens schlaglichtartig erwähnen. Denn die Mehrzahl unter Ihnen ist sicher informiert über Vorzeigebeispiele schweren staatlichen Unrechts, wie z.B. die Stationierung der Pershing-lI-Atomraketen auf BRD-Boden, Ende 1983. Ich schätze das so ein, daß die Hälfte unter Ihnen Mitglieder der HU sind, und in der anderen Hälfte sind sicher Viele aus Münchner Friedensgruppen, vielleicht jemand von der Presse, und, wenn ich viel Glück habe, auch welche von jenen meiner Bekannten, die bis dato noch wenig Kontakt zur Friedensbewegung hatten.
1984 kam ich durch ein Flugblatt zur Friedensbewegung. Ich kannte den Begriff der Gewaltfreiheit nicht, hatte keine Ahnung von Mohandas Gandhi & M.L.King. Da ich mich erst langsam traute, das auch durch mich verdrängte schwere staatliche Unrecht zu erkennen, nahm ich erst 1985 Kenntnis von der Stationierung der Pershing-II-Atomraketen & dem Bau der WAA Wackersdorf. Ich beschloß, mich auf das Thema "Abrüstung der Pershing-lI" zu konzentrieren, erlebte dabei zusammen mit vielen Münchner Friedensfreunden/innen die Sitzdemonstrationen, u.a. in Mutlangen, dann Gerichtsverhandlungen.
Wir erlebten die Kälte & Rückgratlosigkeit vieler Staatsanwälte & Richter, wobei mir klar ist, daß es auch anständige Staatsanwälte und Richter gibt, z.B. die "Richter und Staatsanwälte für den Frieden", zu denen auch Hartmut Bäumer gehört. Wir erlebten die Verdrängungsversuche der eingesetzten Polizisten, die sagten: "Ich tue nur meinen Job", ein Spruch, der von früher bekannt ist. Ich bin der "Bundesarbeitsgemeinschaftkritischer Polizisten/innen" dankbar dafür, daß sie eine Alternative aufzeigten: hier zeigen Polizisten/innen, daß sie den durch die CDU/CSU-Regierung geforderten militärischen Untertanengeist verweigern und daß sie sich öffentlich engagieren in der Friedensbewegung
Die Kampagne "Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung" organisierte die Blockaden von Pershing-II-Atomraketenlagern, z.B. die von Mutlangen. Die Kerngruppe dieser Kampagne zog 1987 nach Mutlangen, in das mit Spenden & Darlehen finanzierte Carl-Kabat-Haus. Dieser Kampagne verdanke ich u.a., daß ich die Theorie der Gewaltfreien Aktion erfuhr und diese Theorie umsetzen konnte in Praxis, z.B. bei vielen Blockaden. Diese Kampagne war auch der Kristallisationspunkt 2er Münchner Friedensgruppen, mit denen ich seit 1985 und 1987 arbeite.
Ferner erlebte ich - als wäre ich in Feindesland in einem schlechten Spionageroman - als Angeklagter in München politische Justiz und Gefängnis. Ich möchte hier hinweisen auf die tägliche Münchner Mahnwache-für-inhaftierte-Blockierer/innen; Flugblätter liegen aus, wir freuen uns SEHR über einen Besuch bei der Mahnwache! Auch freuen wir uns über neue Leute, die unsere Münchner Prozesse wegen "Öffentlicher Aufforderung zur Blockade" besuchen; es stehen bei mehreren Menschen Prozesse an, z.B. bei mir im September 90 bekam ich meinen letzten Strafbefehl.
Ich erlebte angesichts schockierender Pershing-II-Manöver und schlimmer politischer Prozesse Tränenausbrüche & Streitigkeiten, aber auch, daß wir uns in den Münchner Friedensgruppen gegenseitig stützen.
Auch daher meine Ermunterung an alle, die diesbezügliche Erfahrungen noch nicht haben: schauen Sie sich um bei Friedens- und Umwelt-Gruppen, seien dies nun Gruppen, mit denen ich in München oder bundesweit arbeite, oder sei es z.B. Greenpeace oder Robin Wood.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich rede nicht vom Spenden! Spenden ist zwar gut, aber selber handeln ist besser.
Zur Frage der Berechtigung meines/unseres gewaltfreien Widerstandes, z.B. gegen Völkermordwaffen & Militarismus. Da gibt es Leute, die behaupten, wir bräuchten eben Militär. Wir halten drei Bedingungen ein, die den möglichen Schaden eines Irrtums möglichst gering halten:
1. Gewaltfreiheit;
2. Dialogbereitschaft;
3. die Bereitschaft, erkannte Fehler, die wir begingen, zu korrigieren.
 
Da gibt es aber auch Leute, die sagen: "Ja, euer Ziel ist richtig, aber euer Weg ist falsch! Wenn ihr gegen Atomraketen seid, geht in eine Partei!".
Daß der Parlamentarismus versagt hat, wenn es um Überlebensfragen geht, ist wohl unübersehbar. Parteidiskussionen & Vereinsmeierei versagen in den wirklich wichtigen Fragen, wie z.B. der Stationierung von AKWs. (Ich verwende hier absichtlich das Wort "Stationierung"). Das Schielen nach der Macht verhindert das tatsächliche Lösen ernsthafter Probleme. Aber es ist wichtig, daß es Parlamentarier/innen gibt, die den Anliegen der Friedensbewegung ihre Unterstützung geben, zum einen wegen neuer Akzente in den Landtagen und im Bundestag, und auch weil diese Po1itiker/innn weitreichende logistische Möglichkeiten haben, im Vergleich zu einer Bürgerinitiative.
Ich bin der Meinung, ich hätte die genannten Einwände (gegen den Weg & das Ziel) widerlegt. Das Ziel ist richtig - also z.B. fort mit Atomraketen & Militär, denn Rüstung tötet schon ohne Krieg! Auch der Weg ist richtig - also gewaltfreie Aktionen, Einarbeitung in Soziale Verteidigung. Außerparlamentarische Arbeit. Arbeit für ein Leben ohne Militär - also Arbeit in der bundesweiten Kampagne "BoA" (BRD ohne Armee). Oder Arbeit für ein Leben ohne Atomwaffen-"Tests" - also Arbeit in der Friedenstestkampagne.
Ich habe die Schein-Sicherheit des Überflusses eingetauscht gegen ein Leben mit einem etwas aufrechteren Gang. Ich unterstütze voll & ganz, was Car1 Kabat, ein wegen Pflugscharaktionen in den USA inhaftierter Priester, schreibt: "Ich verstehe, daß nicht jeder Mensch ins Gefängnis gehen kann, um seinen politischen Überzeugungen Ausdruck zu verleihen, aber ich weiß auch, daß die Regierungen den wirklichen Lösungen aus dem Weg gehen werden, wenn auf die Regierungen nicht genügend Druck ausgeübt wird ••••
Es ist prima, keine Sprays mit F1uorkohlenstoff-Verbindungen zu verwenden, die die Ozonschicht zerstören, aber eine Mahnwache vor der Firma, die die Sprays herstellt, wäre eine viel deutlichere Äußerung der Wahrheit und wäre verständlich für jeden Menschen •••• Wenn wir nicht öffentlich unseren Widerstand leben, einen Widerstand gegen ein bestimmtes Unrecht, dann können wir sicher sein, daß das Unrecht weiter bestehen bleibt. Wir müssen deutlich aussprechen und persönlich bezahlen."

Soweit Carl Kabat. Ich habe diesen letzten Satz für mich verwirklicht, ich werde weiter deutlich aussprechen, trotz politischer Polizei & Justiz. Ich werde auch persönlich bezahlen, wie Wolfgang Sternstein, der gerade im Gefängnis ist nach Friedensarbeit, nämlich Blockaden und Pflugscharaktionen: ich habe mindestens 200 Tage Gefängnis vor mir.
Meine Arbeit als Friedensarbeiter besteht nicht ausschließlich aus Widerstand. Ich arbeite mit bei der Bekanntmachung erster Ansätze Sozialer Verteidigung, bei der Verteidigung von Bürgerrechten gegenüber Polizei & Justiz; ich mache bekannt, welche Mitsprachemöglichkeiten Bürger/innen haben, z.B. bei WAA-Anhörungsverfahren, Müll-Volksbegehren.
Sowohl beim Widerstand als auch bei der Verteidigung von Bürgerrechten versuche ich stets, Mitbürger/innen zu ermuntern zum Mitmachen: durch Anbieten von kleinen Schritten. Auch der längste Weg beginnt mit dem 1. Schritt •••
Meine Arbeit ist isoliert nicht vorstellbar. Ich brauche das Eingebundensein in Gruppen. Beispiele : bundesweite Kampagnen wie "Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung", "Friedenstestkampagne", "BoA - für eine BRD ohne Armee". Durch unsere Gruppenarbeit wirken wir auch dem von Regierung und Industrielobby geförderten Trend zur Isolierung und zum Ängstlichsein entgegen.
Gerade weil meine Arbeit undenkbar wäre ohne das Eingebundensein in Gruppen, z:B. die genannten Münchner Gruppen, sehe ich den Preis "Aufrechter Gang" als einen Preis für alle, die wie ich mitmachen bei der gewaltfreien, beharrlichen Arbeit für ein Leben ohne Völkermordwaffen, z.B. im Plenum der "Öffentlichen Aufforderung zur Blockade".
Soweit zu meiner Friedens-Vergangenheit und -Gegenwart. Bevor ich nun zu den eingangs erwähnten Perspektiven komme, deute ich die Schwierigkeiten an, die ich beim Schreiben dieses Perspektiven-Teils meines Rede hatte: erstens war & bin ich durch meinen Krankenhaus-Aufenthalt so abgelenkt, daß ich große Konzentrations-Schwierigkeiten habe, ich also Vieles weglasse;
zweitens will ich auch hier Ziele & Aussagen nennen, die ich als wahr erkannt habe, und deren Benennung - auch bei Friedensbewegten - oft zu Abwehrreaktionen führen, die mich stets aufs Neue überraschen. Ein Beispiel ist die Aussage:
"Zivildienst ist Kriegsdienst", die ich auf Nachfrage gerne belegen werde.
Jetzt also die Perspektiven:
a) privat:
Die Suche nach Möglichkeiten, durch Friedensarbeit meinen notwendigen Lebensunterhalt zu verdienen. Solche Möglichkeiten sind auch deshalb für mich wichtig, weil ich sie anderen Menschen anbieten können will.
- Die Fortsetzung meiner Teilnahme an Aktionen Zivilen Ungehorsams gegen Völkermordwaffen.
Ich möchte einen Weg finden, das Prinzip von Franz von Assisi für mich zu verwirklichen. Das klingt völlig unrealistisch, denn wer könnte ohne Eigentum leben? Doch hier fühle ich eine Forderung, die sich mir stellt und deren SCHRITTWEISE Durchsetzung durch VIELE Menschen die Probleme unseres Konsum-Lebens lösen würde - unter enormen Schwierigkeiten, aber das ist der Weg, den ich sehe.
b) lokal & national:
- Arbeit für ein Leben ohne Rüstung & Militär; um die Rüstung und den•Export zu stoppen ist neben dem gewaltfreien Widerstand vor den Rüstungsfirmen auch Unterstützung der Konversionsarbeit erforderlich.
- Die Arbeit dafür, daß immer mehr Menschen sich ermutigt fühlen, ungeachtet strafrechtlicher Konsequenzen öffentlich einzustehen für das, was sie als wahr erkennen, also z.B. für anti-militaristische Äußerungen wie "Zivildienst ist Kriegsdienst", oder "Soldaten werden zum Mord ausgebildet, weltweit'; auch bei der Bundeswehr".
- Die Arbeit für ein Leben mit immer weniger Autos mit Verbrennungsmotoren; dieser Punkt ist sehr wichtig nicht nur wegen Umweltüberlegungen sondern auch wegen der gesellschaftlichen Änderungen, die sich ergeben, wenn wir, wenn jeder Mensch sich prüfend fragt, was ihm wichtiger ist: die Pseudofreiheit des Autowahnsinns oder eine lebenswerte & lebensfähige Natur.
Meine künftigen Prozesse zählen ja auch zu meiner Perspektive. Hier kommt der mir heute verliehene Preis ins Spiel. U.a. wegen meines GEWALTFREIEN Widerstandes hat mir die HU diesen Preis verliehen;
in den vergangenen und kommenden Prozessen wegen Blockaden (oder Öffentlicher Aufforderung dazu) wird uns aber von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, wir hätten Gewalt angewandt (oder dazu aufgefordert), genauer sog. "verwerfliche Nötigung mit Gewalt". Ich will auf diesen Widerspruch hinweisen und künftig bei Gerichtsverhandlungen zum Richter sagen: "Wenn Sie mich verurteilen wegen angeblicher Gewalt, sprechen Sie NICHT Recht im Namen des Volkes. So hat z.B. die HU mir genau für derartige gewaltfreie Blockaden einen Preis verliehen. Und die HU steht wohl kaum im Verdacht, Gewalttäter zu ehren."
Mein Beweggrund für Friedensarbeit ist die Nächstenliebe, macht also nicht halt vor Ländergrenzen oder Systemgrenzen, er lässt sich auch durch politische Strafjustiz, Gefängnis & ähnliche Einschüchterungsversuche nicht dämpfen. Er lässt mich die örtlich entfernten, jetzt stattfindenden Schrecken der Folter & des Verhungerns spüren, deren Ursache Rüstung & Militariasmus sind.
Ich hoffe, daß meine Worte unbequem genug waren und so verstanden werden wie ich sie beabsichtigte: als eine Ermunterung für uns alle (mich eingeschlossen); eine Ermunterung, schrittweise auf Sicherheiten zu verzichten, die uns beim gewaltfreien Handeln nur behindern, und sich auf die Unsicherheit und die Chancen und die Folgen gewaltfreier politischer Arbeit einzulassen.
Ich danke Ihnen.

 

Weitere Informationen:

Festakt

Laudatio von Hartmut Bäumer

Ankündigung und Begründung der Preisvergabe