Rede der Preisträgerin Gisela Forster

 

Liebe Kirchenfreunde und -freundinnen, liebe Kirchenfeinde und -feindinnen und all die anderen!

Es ist nun die Zeit gekommen, daß ich mich bedanken möchte für diesen Preis: "Aufrechter Gang"
Bedanken bei der Humanistischen Union, die mich dazu auserwählt hat, diesen Preis des Jahres 1992 zu bekommen.
Bedanken bei Professor Hering für die Begrüßung und bei meiner Grünen Mitkämpferin Ruth Paulig für die Laudatio.
Bedanken bei Ihnen allen, daß Sie hierhergekommen sind und damit zeigen, daß sie der Kirche oder einem Glauben oder einer Hoffnung oder wie immer sie es nennen noch eine Chance geben.
Gerne würde ich mich an dieser Stelle auch bei der katholischen Amtskirche selbst bedanken, daß sie hierhergekommen ist und sich mit mir über den Preis freut, aber ich sehe im Moment noch niemand aus dem konservativen Kirchenlager hier – na ja, vielleicht kommen sie erst später zum Kabarett - oder sie machen es so wie in den letzten 10 Jahren, in denen ich aktiv in der Kirchenopposition tätig bin, daß sie überhaupt nicht reagieren. Es muß wohl an mir liegen. Vielleicht bin ich einfach nicht der Typ, der einem Herrn Ratzinger oder Dyba gefällt.

Manchmal in meinen Träumen überlege ich mir, wie der Mann oder die Frau aussehen müßte, an der die katholische Kirche Gefallen finden könnte.
Der Mann so denke ich, müßte von Geburt an etwas Besonderes gewesen sein. Seine Mutter rief schon bei seinem ersten Atemzug ganz laut: Junge, du sollst einmal Pfarrer werden / und während die Mutter das Gelübde zu dieser Berufung ablegte, wurde der Junge immer blasser und blasser, bis er so blaß war, daß er dem Ortspfarrer auffiel und dieser ihn in einer Klosterschule anmeldete. Dort nur unter erwählten Männern lernte er neben Latein und Theologie das Zwicken der Mädchen, das erwählte Schauen und das Besteigen von Stufen, die ausschließlich nach oben führten und er lernte die Hand so wegzustrecken, daß andere einen Kuß darauf drücken konnten. Später bekam er das Möbelstück geschenkt, das er immer zwischen sich und eine Frau rücken mußte, damit die Verführung nicht herübersprang. Um keine Gefühle zu bekommen, aß er Salat, Salat, Salat und wurde so immer blasser und blasser bis er eine Frau kennenlernte, die ebenso blaß war und gemeinsam gaben sie sich ihrer Blässe hin. Blasse Kinder durften sie natürlich nicht bekommen, denn hierfür war er zu heilig und sie zu wenig heilig. So blieben sie in einer dauerhaften Beziehung bis er andere blasse Frauen kennen lernte, denen er wiederum seine persönliche Blässe zeigte mit dem Ziel: Wenn ich viele Blasse um mich habe, laufe ich nicht in Gefahr, eine Blasse zum Erröten zu bringen und somit muß ich nicht heiraten und gefalle der Kirche und den Herren Ratzinger, Dyba, usw.

Die Frau, die der Kirche gefällt, müßte während eines Westwindes gezeugt worden sein, der so stark war, daß er bei ihr einen körperlichen Defekt, nämlich das Fehlen eines kleinen Körperstückes auslöste, so daß sie als unfertiges Ersatzlebewesen geboren wurde. Natürlich waren alle enttäuscht, als sie sie zum ersten mal sahen, denn sie hatten sich ja ein Wesen ohne diesen körperlichen Defekt gewünscht. Diese Enttäuschung über ihre Geburt hielt an, auch als sie sich mit Eifer um eine Stelle als Meßdienerin bewarb oder auch einmal den Altarraum betreten wollte. Sie wurde abgelehnt. Sie kam keine Stufe weiter und sie nahm dieses Schicksal dankbar an. Sie begehrte kein Amt, außer das der kirchlichen Stufenputzerin. Den ganzen Tag rief sie pflichtgemäß: Herr du mein Höchster und ließ sich gerne von ihrem Vater schlagen, denn auch dieser meinte, er sei Gott näher als alles Weibliche.
Ihre Freizeit verbrachte sie damit, das Geschirr der hohen Herren zu spülen und bei jedem Atemzug zu seufzen: Ich bin schuld, ich bin schuld.
Ja, dieser Mann, diese Frau würden einen Orden von der katholischen Amtskirche bekommen können, aber ich werde wohl ewig warten müssen, bis die Amtskirche Frauen wie mich akzeptiert.

Dabei habe ich mich mein bisheriges ganzes Leben bemüht; aufrecht zu gehen, obwohl mir das anfangs gar nicht gelingen wollte. In der Schule verkroch ich mich am liebsten unter der Bank, zu Hause am Nachmittag hatte ich Mühe, mich aus meinem Lieblingssessel zu erheben. Vom Eßtisch durfte ich nur aufstehen, wenn mein Vater dies erlaubte, bei meinem Studium an der Akademie der bildenden Künste landete ich bei dem Professor, der seinen Lehrsaal direkt neben der Einganqstüre hatte, weiter qehen hätte ich mich nicht getraut. Und dann, als ich schwanger war und schwanger war und schwanger war, hatte ich naturgemäß und in meinem Fall besonders Mühe beim aufrechten Gehen und selbst als ich während der 68er Bewegung am Aufbruch der StudentInnen teilnahm, wagte ich mich nicht in vordere Reihen.
Ich fühlte mich meistens schwach gegen die Mechanismen dieser Welt, schwach als Kind, schwach in meinen Rechten, gebeugt unter der Last der Welt. Und in mir wuchs der brennende Wunsch: Mehr Rechte für die Unterdrückten, mehr Mut für die Schweigenden und mehr Ausdruckskraft für die Sprachlosen zu erreichen.
Mein Schicksal war es, daß ich völlig absichtslos in die Rolle geriet, die Kollegin eines katholischen Priesters zu werden und noch bevor ich diese Begegnung begreifen konnte, merkte ich, daß diese Partnerschaft bedeutete: schweigen, schweigen, nicht reden dürfen, niemals aufrecht gehen dürfen. Über mir drückte die Weltmacht Kirche. Sie erlaubte sich, im Privatleben der einzelnen Menschen mitzureden, als hätte sie selbst die Wahrheit mit dem Suppenlöffel gegessen. Sie herrscht über die Priesterfamilien, die Kinder, die lügen müssen, die Frauen, die gezwungen werden, sich zu verstecken und sie herrscht über einen Klerus, der in weiten Kreisen gebückt nach oben schaut, und der somit das Denken und Handeln verlernt hat.
1983 schloß ich mich einer Selbsthilfegruppe für Priesterfrauen an und hier traf ich fast nur gebeugt gehende Frauen, die unter der Last der Kirchenvorschriften fast zusammenbrachen, die weinten und litten und keinen Weg wußten, den sie gehen könnten. Wenn wir Frauen uns treffen, so müssen wir den Ort und Zeitpunkt geheimhalten, wir müssen Perücken tragen und uns verkleiden, wenn wir an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen wollen. Fast 400 Frauen haben sich dieser Selbsthilfegruppe angeschlossen, alle haben und hatten eine heimliche oder unheimliche Beziehung zu einem Priester. Alle mußten und müssen schweigen. Ich wollte nicht schweigen.

Ich schloß mich der Vereinigung katholischen Priester und ihrer Frauen an, die etwa 800 Mitglieder hat, in der Mehrzahl von der Amtskirche entlassene Priester, die aufgrund der Problemverdrängung der katholischen Amtskirche ihr Amt verloren hatten. Viele waren und sind am Rande der Existenz, viele haben keinen Standpunkt mehr in dieser Welt gefunden, viele sind suchtabhängig, viele ratlos und verzweifelt. Die Strafen, die von der Amtskirche kommen, sind hart, gnadenlos und ohne Erbarmen. Ich kann es mir nur so erklären, daß hier Getretene weitertreten, wie es in einem hierarchisch strukturierten System leicht ist, denn wenn ich die Tretenden anschaue, habe ich auch das Gefühl, daß sie im Vatikan gebückt herumschleichen.

Vielleicht sollte ihnen die Humanistische Union einmal Anregungen zum Erlernen des aufrechten Ganges zuschicken, etwa so:
Stehe morgens aus deinem Bett auf, indem du dich nicht zusammengeklappt auf die Erde fallen lässt, sondern lasse zuerst deine Beine die Lust der Freiheit fühlen, drücke sodann deine Wirbelsäule in die Gerade und ermahne dein gebeugtes Rückgrat, einen Versuch der Streckung zu wagen. Schleudere sodann deine Beine in die Tiefe und deinen Kopf in die Höhe und blicke zur Deckenlampe. Gib deinem Wunsch, wieder in die dienende Haltung zu verfallen nicht nach, sondern stehe, stehe, stehe, bis es dir schlecht wird, dann spucke den ganzen Ballast heraus, den herrschende Kirchenführer in dich hineingestopft haben und du wirst sehen, du wirst aufrecht und leichtfüßig zur Türe zu wandeln vermögen. Bevor du hindurchtrittst, hole tief Luft, damit du den Sticheleien dort draußen standhältst und eile sodann über die Schwelle. Achte nicht auf die gebeugten Figuren, die sich an dir vorbeibewegen, sondern eile zur Ausgangstüre und stoße diese mit einem Schwung auf. aggiornamento, hat Papst Johannes XXIII gesagt. Öffnet die Fenster, laßt Luft herein. Auch wenn andere dir ständig Schlingen um die Füße legen, auch wenn andere dich zu Haß, Gewalt und Hochmut verführen wollen. Ducke dich nicht, denn nur aufrecht siehst du alles. Und du wirst sehen, eines Tages bekommst auch du den Preis: Aufrechter Gang der Humanistischen Union.

Eines Tages habe ich gesagt, denn heute bekomme erst einmal ich ihn. Ich bekomme ihn, weil ich demokratisch Widerstand geleistet habe. Obwohl es schwer war
• Denn jeder vernünftige Widerstand ist schwer
• Widerstand gegen eine alte Institution zu leisten, die in einzelnen Punkten Hunderte oder tausende von Jahren braucht, bis sie sich zum Menschen hin verändert, ist sehr schwierig
• Widerstand gar gegen eine Weltmacht Kirche vorzubringen, ist eigentlich zu schwer.
Meine Mutter sagte zu mir: Laß die Finger davon; glaubst du nicht, daß die Weltmacht Kirche stärker sein wird als du?
Wenn ich trotzdem nicht den Mut aufgebe, so ist das nicht, weil ich für einen männlichen Klerus sprechen möchte, der sich in weiten Teilen verstummt und feige hinter Paragraphen verkriecht und sich nicht ans Licht traut. Diese Männer sollen selbst zusammen mit den 80 000 Priestern, weltweit, die wegen des Zölibats geflogen sind, ihren Widerstand formieren. 
Ich bringe den Mut auf,
• weil ich als Frau erkannt habe, daß diese katholische Kirche mich als Frau, so wie alle anderen Frauen, verabscheut, demütigt und ausgrenzt,
• weil die Kirche mich als Frau permanent als Sünderin hinstellt, an statt selbst ihre verfehlten Vorschriften zu erkennen,
• weil diese Kirche mich als Mutter immer wieder im Stich läßt und sie sich selbst nur hochhebt, indem sie die andere Hälfte der Menschheit niederdrückt.
Ich widerspreche so stellvertretend für all die Frauen, die von der katholischen Kirche so unterdrückt werden, daß sie es nicht wagen, öffentlich und offen zu sprechen.

Ich stehe hier für all die Frauen, die heimliche Beziehungen zu Priestern haben, allein in unserer Selbsthilfegruppe sind es so um die 200.
Ich spreche für die Kinder, deren Vater Priester ist und die deshalb verschwiegen werden müssen, und für die Kinder, die abgetrieben werden mußten, weil die katholische Kirche keine Priesterkinder will. Niemand kann dies begreifen!

Ich spreche für all die Frauen, denen von der katholischen Kirche gekündigt wurde und wird, weil sie den Vater ihrer Kinder heirateten, die Kindergärtnerinnen, die Lehrerinnen, die Pfarrsekretärinnen./ Ich möchte erwähnen die Pfarrhaushälterinnen, die sich in dieser rechtlosen Position verstecken müssen, weil sich der Priester nicht zu ihnen bekennen darf. Sie sind eigentlich die ärmsten.

Wir Frauen und Männer müssen gemeinsam gegen dieses Unrecht Widerstand leisten.
Die meisten von den Betroffenen können nicht, weil die Amtskirche, sie bei jedem Versuch hierzu niederdrückt und das sollten wir uns nicht länger gefallen lassen.
Seien wir uns bewußt: Es gibt kaum ein Regime auf dieser Welt, das so frauenfeindlich/ menschenfeindlich/ lebensfeindlich ist, wie die katholische Amtskirche, die von Liebe spricht, aber damit in vielen Fällen die Liebe zu sich selbst und zur eigenen Macht meint.
Gegen diese Macht rede ich, engagiere ich mich und spiele ich Kabarett.
Und ich möchte alle anderen Frauen und Männer ermuntert, auch in irgendeiner Form Widerstand zu leisten, damit das Unrecht im Namen des Christentums endlich aufhört.

Gisela Forster

Weitere Informationen:

Festakt

Laudatio von Ruth Paulig

Ankündigung und Begründung der Preisvergabe

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