Dr. Reiner Bernsteins Danksagung

Dr. Reiner Bernstein ©G. Gerstenberg


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

auch ich möchte Ihnen sehr für Ihr Kommen danken! Ich verstehe Ihre Anwesenheit nicht nur als Zeichen der Anerkennung unserer Arbeit, sondern vor allem als politische Unterstützung derjenigen Themen, die uns gemeinsam bewegen.

Lassen Sie mich mit dem Dank an den Vorstand der Humanistischen Union Heide Hering, Wolfgang Killinger und seiner Frau Helga, Wolfgang Stöger und seiner Frau Christel sowie Dr. Hansjörg Siebels-Horst und seiner Frau Dr. Hella Horst beginnen. Nicht nur einmal habe ich mich gefragt, ob Sie uns diesen Preis zuerkannt hätten, wären Ihnen die Schwierigkeiten auf dem Weg bis heute bewusst gewesen.

Mein großer Dank gilt natürlich auch Dr. Tilman Spengler, den ich Ihnen den nicht vorstellen muss. Seine Laudatio weist ihn einmal mehr als einen brillanten und kenntnisreichen Literaten aus.

Von weither angereist, nämlich aus Be’ersheva, ist Salim Altori angereist. Judith kennt Dich länger als Du mich, aber gemeinsam ist uns die Erfahrung in der Ansiedlung Al-Araqib im Negev. Sie wurde mehr als einhundert Mal von Bulldozern niedergerissen, weil die dort lebenden Beduinen – wie denn auch als wandernde Hirten und Bauern! – keinen Nachweis im Bodenkataster erbringen konnten. Mit vielen arabischen und jüdischen Freunden ist Al-Araqib immer wieder aufgebaut worden, doch immer stehen die Bewohner vor der Gefahr, vertrieben zu werden. Salim, Achlan wa-Sachlan!  

Mit einigen von Ihnen teile ich eine deutsche Geschichte, so mit Prof. Friedemann und Dr. Barbara Hellwig aus Hamburg. Herr Hellwig hat viele Jahre mit seinen Studentinnen und Studenten Restaurierungsarbeiten in Auschwitz geleistet – jenem Konzentrations- und Vernichtungslager, an das wir gestern erinnert haben. Mit Hellwigs waren wir vor einigen Jahren in Auschwitz, wohin die Großeltern meiner Frau 1943 von Erfurt aus deportiert und ermordet wurden.

Mein besonderer Gruß gilt auch meiner Freundin Efrat Gal-Ed. 1974 kam sie als junge Frau mit ihrem Ehemann in mein Bonner Büro, das ich für die Deutch-Israelische Gesellschaft (DIG) leitete. Frau Gal-Ed ist inzwischen Professorin für jiddische Kultur und Literatur an der Universität Düsseldorf. Herzlichen Glückwunsch!

Der damalige Zusammenhang führt mich zu Dr. Ulrich Kusche. Wir beide wollten 1977 nicht länger das Ausführungsorgan der Israelischen Botschaft sein und haben – nachdem uns der Austritt aus der DIG „nahegelegt“ wurde – den Deutsch-Israelischen Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten mit dem Heidelberger Alttestamentler Rolf Rendtorff an der Spitze gegründet. Unsere Leitlinie hat seine Gültigkeit behalten: Kein Frieden für Israel ohne Frieden für die Palästinenser und umgekehrt.

Mein Dank für sein Kommen gilt auch Ernst Grube, der das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt hat, heute Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und gleichzeitig Mitglied der Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe. Ernst Grube präsentiert gleichsam symbolisch eine Brücke von gestern bis heute und morgen.

Und natürlich freue ich mich darüber, dass unsere Töchter Shelly Steinberg aus Tel Aviv und Sharon Blumenthal mit ihrem Ehemann Eric und den beiden Kindern Talja und Edna aus Köln dabei sind. Last but not least grüße ich meinen Bruder Ralf und seine Karin aus Nürnberg.

Lassen Sie mich einige Worte zu den Themen erläutern, denen wir uns verbunden fühlen.

Nach dem Verbotsbeschluss des Münchner Stadtrats im Sommer 2004 haben wir die „Initiative Stolpersteine für München“ gegründet.   
Das Motto der Initiative lautet bis heute „Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe“. Da trotz aller Bemühungen das Verbot nicht aufgehoben, ja noch einmal bestätigt wurde, haben wir damals begonnen, von Gunter Demnig Stolpersteine auf privatem Grund verlegen zu lassen, und zwar nur Zentimeter entfernt vom Gehsteig. Ich füge hinzu, dass ich vor drei Wochen, am 05. Januar, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bewegt die Zeilen aus Durs Grünbeins Berliner Erinnerung „Mörderrevier“ gelesen habe:

„Hier war es, hier, hier und hier, flüstern / Die Stolpersteine vor jedem zwölften Haus. / Manchmal das dumpfe Gefühl, wir betreten / Achtlos ein altes Mörderrevier.“

An die ständige Erinnerung an die Shoah schließt sich mein zweites Lebensthema: Als Martin Buber 1953 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für die israelisch-arabische Verständigung erhielt, ließ er keinen Zweifel an der deutschen Verantwortung für den Holocaust:

„Ich, einer der am Leben Gebliebenen, habe mit denen, die an jener Handlung in irgendeiner Funktion teilgenommen haben, die Dimension des menschlichen Daseins nur dem Scheine gemein; sie haben sich dem menschlichen Bereich so dimensional entrückt, so in eine meinem Vorstellungsvermögen unzugängliche Sphäre der menschlichen Unzugänglichkeit versetzt, dass nicht einmal ein Hass, geschweige denn eine Hass-Überwindung in mir hat aufkommen können. Und was bin ich, dass ich mich vermessen könnte, hier zu ‚vergeben‘!“

Den Geldwert des Preises widmete er der israelischen Friedensarbeit und protestierte im selben Jahr beim Präsidenten der Knesset gegen einen Gesetzentwurf zur Enteignung arabischer Böden.

Es war kein Zufall, dass aus Deutschland und aus dem deutschsprachigen Raum stammende Zionisten es waren, die im Friedensbund, dem „Brit Shalom“, an der Spitze der Verständigung mit der arabischen Mehrheitsbevölkerung standen: Neben Martin Buber, Gershom Scholem, Akiva Ernst Simon, Hans Kohn, Georg Landauer, Arthur Ruppin, Hugo Bergmann, Robert Weltsch und Henrietta Szold, die die Jugend-Aliyah aus Deutschland und dem deutschbesetzten Europa nach Palästina organisierte.

1929 legte „Brit Shalom“ sein Programm vor, aus dem ich einige Zeilen zitieren möchte: 

„Dem Brith Schalom schwebt ein binationales Palästina vor, in welchem beide Völker in völliger Gleichberechtigung leben, beide als gleich starke Faktoren das Schicksal des Landes bestimmend, ohne Rücksicht darauf, welches der beiden Völker an Zahl überragt. Ebenso wie die wohlerworbenen Rechte der Araber nicht um Haaresbreite verkürzt werden dürfen, ebenso muss das Recht der Juden anerkannt werden, sich in ihrem alten Heimatlande ungestört nach ihrer nationalen Eigenart zu entwickeln und eine möglichst große Zahl ihrer Brüder – heute würden wir ‚Schwestern‘ hinzufügen – an dieser Entwicklung teilnehmen zu lassen.“ 

Hat sich diese Vision des jüdisch-arabischen, der israelisch-palästinensischen Kohabitation nach dem Scheitern der Zwei-Staaten-Lösung erledigt, für die ich mit der zivilgesellschaftlich getragenen Genfer Initiative geworben habe? Nein, mitnichten. Ihre Ideen leben in zahlreichen Gruppen in Israel und in Palästina weiter.

Ihre Wiederentdeckung tut der deutschen und der internationalen Diplomatie gut. Da allein Israelis und Palästinenser Frieden schließen können, habe ich deshalb zur Unterstützung im vergangenen Frühjahr vorgetragen, dass die Bundesregierung unter Mitwirkung der Europäischen Union die Vorbereitung und die Tätigkeit eines Konvents mit Staatswissenschaftlern, Politologen, Soziologen und Kulturschaffenden beider Seiten logistisch und materiell fördert und begleitet. Den Experten würde es obliegen, neue Verfassungsmodelle für das Territorium zwischen Mittelmeer und Jordan zu entwickeln. Begleitend dazu sollte die Bundesregierung Projekte der israelisch-palästinensischen Jugend-, Schüler- und Erwachsenenbildung fördern, weil von beiden Zivilgesellschaften die politische Zukunft des Landes abhängt.

Und zum Schluss: Meine Frau und ich sind nicht bereit, in München die Verlierer zu spielen und uns dubiosen Machenschaften zu beugen. Wir werden den Kampf, unseren aufrechten Gang fortsetzen, solange das Leben uns dafür Zeit gibt. 

 

Sie können die Aufzeichnung der Danksagung hier nachhören (17:45 Minuten)