Laudatio auf Judith und Reiner Bernstein

Dr. Tilman Spengler ©G. Gerstenberg

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Liebe Judith und lieber Reiner!

Gestattet Ihr beiden mir, gestatten Sie mir, liebe Freunde der Preisträger, eine sehr persönliche Vorbemerkung: Ich durfte in meinem Leben schon einige Lobreden halten, doch noch nie haben mich im Vorfeld einer solchen Veranstaltung so viele Anrufe, elektronische Nachrichten, Kurzmitteilungen aus der ganzen Republik erreicht, die alle mit den herzlichsten Worten ausdrückten, wie glücklich sie, die Absender, über die Verleihung des Preises „Aufrechter Gang“ gerade an diese beiden Personen seien, an Judith und an Reiner Bernstein, die wir heute hier begrüßen dürfen.

Gab es auch hässliche Reaktionen? Klar, die gab es auch, doch heute ist ein Freudentag, den lassen wir uns nicht von jenen verderben, deren Gesinnung so schäbig ist wie ihr Umgang mit der deutschen Sprache.

Die Jury der Humanistische Union, der wir diese Initiative ja verdanken, hat also offenbar ein besonderes Feingefühl, ein sensibles Empfinden für den Wunsch vieler Gleichgesinnter, doch wie wir erleben mussten, noch lange nicht Gleicherhörter, sei es in München, sei es in der ganzen Republik.  Dafür darf ich Ihnen, verehrte Juroren, gewiss auch im Namen des hier anwesenden Publikums meinen herzlichsten Dank aussprechen.

Die Praxis der Lobrede, meine Damen und Herren, ist übrigens in unserer westlichen Kultur durch die Griechen begründet worden, der klassische Akt firmiert unter dem Titel „Panegyrik“ und schwingt in seinen Extremen zwischen dem Begriff der Lobhudelei für den Herrscher und dem Ausdruck des Respekts für die mustergültige Argumentation eines Bürgers. Es spielen auch noch eine dritte und eine vierte Konnotation eine gewichtige Rolle, doch die heben wir uns für später auf.

Ich beginne, meine sehr verehrten Damen und Herren, wie es für den Rahmen der Humanistischen Union nur passend ist, mit einem Zitat aus dem Neuen Testament, und zwar aus dem Lukas-Evangelium Kapitel 19, Vers 41, es geht dort um Jerusalem, es ist eine Klage. Die Stelle lautet:

„Wenn auch Du aber an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden dient ...“,

und schließt:

„jetzt aber ist es vor Deinen Augen verborgen.“   

Die Arbeit am Öffnen der Augen, oder – um es mit Immanuel Kant zu sagen – die Zuführung von Licht in selbst- oder fremdverschuldete Unmündigkeit, diese Arbeit ist das Hauptanliegen von Judith und Reiner Bernsteins unbeirrbarer publizistischer      – und weit über das Publizistische hinausweisender Tätigkeit. Judith und Reiner Bernstein sind legitime Erben des klassischen Auftrags der europäischen Aufklärung. Sie verkörpern dabei jenen Geist, der stets das Gute will – und unbeachtet aller Rückschläge – an diesem Willen festhält. Und sie führen uns eindringlich – und nie aufdringlich – vor, wie eine theoretische Position immer auch ihre Rückkoppelung an die Praxis des Alltags erfahren muss. Das ist beim Schwerpunktthema der  Bernsteins, dem schmerzvollen Thema „Krieg und Versöhnung im Nahen Osten“, wahrlich Kärrnerarbeit, die nicht wirklich leichter wird, wenn zwei Personen den Karren ziehen.

Ich darf an dieser Stelle noch einmal auf den Evangelisten Lukas zurückkommen. Schon bei ihm können wir lernen, von welch zentraler Bedeutung es ist, dass wir uns bei der Aufgabe, das Räsonieren und das praktisches Handeln zusammenzuführen, das Werk der Besinnung nicht allein als eine Aufgabe des Verstandes, sondern auch als eine des Herzens und des aufrechten Gangs zur Verpflichtung machen. Lukas nennt das in der griechischen Übersetzung das Berücksichtigen des „enteuthen“ – das „zu eigen machen müssen“: des sich Versetzens in die Köpfe und Herzen aller Beteiligten. Entscheidend muss für uns sein, Judith und Reiner Bernstein haben dieses Vorgehen exemplarisch vorgeführt, dass wir die Position des „Hier“ und des „Dort“ im Kopf und im Herzen zusammenführen müssen. Hier: Israeli. Hier: Palästinenser. Hier: Muslim. Hier Jude. Und dass wir diese Positionen nie als Blöcke sehen dürfen, sondern als etwas Organisches, allerdings mit dem fatalen Hang zur Clusterbildung.

Judith Bernstein hat uns dabei auch als Autorin vorgeführt, wie – das Wort „vorbildlich“ wollte ich mir hier gern ersparen, doch als Mensch, der sich dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort stark verpflichtet fühlt, muss Judith das ertragen – „beispielhaft“ sich Sachverhalte über das „Hier“ und das „Dort“ in einer das Herz berührenden Sprache ausdrücken lassen. Nein, das ist hier kein genderpflichtiges oder genderpflichtverletzendes Urteil, ich lese, liebe Judith, Deine Essays, Deine Reportagen mit einem, wie Thomas Mann es einmal ausdrückte, „seriös glucksenden Wohlbehagen an Ungestelztem“, einem Wohlbehagen an jener Form also, die mir zugleich den Baum zeigt UND dessen vielfältige Verästelungen.  

Das wirft, lieber Reiner, nicht den leiseste Grauton eines Schattens auf den Glanz Deiner historisch so präzisen, so brillanten, oft auch so viel Verzweiflung erregenden Analysen und Bestandsaufnahmen einer bislang zutiefst unglücklich verlaufenden Geschichte der politischen Kalamitäten in dem vielen von uns so fernen wie nahen Teil des östlichen Mittelmeers. Dein Werkverzeichnis, soviel steht jetzt schon fest, wird seinen Platz im Kanon der internationalen und der deutschen Historiographie nie verlieren.

Und die bei Euch beiden dazugehörige Haltung auch nicht. Genau: Der aufrechte Gang. Wir alle wissen, meine Damen und Herren, dass Sigmund Freud uns noch aus dem Grabe rügt, wenn wir Namensspiele betreiben, doch die Assoziationskette: Stolperstein, Bernstein, Stadt der Bewegung und aufrechter Gang ist nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen. Zur Causa selbst muss ich hier nicht viel anmerken, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom letzten Donnerstag hat Galit Noga-Banai, die renommierte Kunsthistorikerin der Hebrew University, in Jerusalem alle Argumente, die FÜR diese Form der Erinnerung sprechen, ja geradezu schreien, in klügeren Worten zusammengefasst, als mir das hier möglich ist. Und ich darf als ein Bürger, der sowohl im Münchener Bogenhausen wie im Berliner Wilmersdorf wohnt, nur noch hinzufügen: Wer je einmal zum christlichen Weihnachtsfest nachts durch die Straßen von Wilmersdorf lief und die Kerzen dort sah, die neben den Stolpersteinen entzündet wurden, der fragt sich, mit welch kaltem Herzen, mit welch unmündigem Verstand, mit welch mangelndem Einfühlungsvermögen unser aller Schöpfer die Mehrheit des Münchner Stadtrats bei seiner Entscheidung geschlagen haben mag. Wenn es denn der Schöpfer war.

Und ich brauche für dieses Urteil, meine Damen und Herren, gewiss nicht die Kulisse eines Weihnachtsfestes. Stolpersteine sind permanente Markzeichen unseres historischen Gedächtnisses. Sie abzulehnen, das möchte ich hier noch einmal in aller Klarheit sagen, bedeutet, gerade hier in München, einen Umgang mit Geschichte, der den Opfern neuen Hohn zufügt. Das ist eben gerade nicht der aufrechte Gang, der deutliche Spuren hinterlässt, das ist ein Schlurfen mit Filzpantoffeln oder Lackschuhen über Orte, die der Anstand für ein vielleicht nur flüchtiges Andenken geboten hätte.

Ich darf damit, kurz vor Schluss meiner Ausführungen, ganz schnell auf eine der eingangs versprochenen, noch fehlenden Konnotationen einer Lobrede, einer Panegyrik, kommen:

Zum wesentlichen Bestandteil einer solchen Rede gehörte, Punkt Vier, das Moment der Öffentlichkeit. Der Panagyrikos, der Lobredner, in diesem Falle also ich, richtete in einer demokratischen Gesellschaft seine Worte an die jeweils größtmögliche Zahl von Zuhörern. Auf dem Markt, der Agora, im Tempel, überall dort, wo die Akustik das Zuhören erlaubt.

Es ist Ihnen nun vermutlich allen, meine verehrten Damen und Herren, zu Ohren gekommen, dass der Münchner Stadtrat, das Legislative und Exekutive dieser Stadt, implizit mit der tolldreisten Begründung, Judith Bernstein sei Antisemitin, dieser Preisverleihung den Zugang zu städtischen Veranstaltungsorten untersagt hat. Ich muss Judith Bernstein hier vor diesem absurden Vorwurf nicht in Schutz nehmen, ich darf, nein ich muss hier nur zwei Fragen aufwerfen: Wenn ein Herr Orbán, wenn Vertreter der rechtsradikalen Parteien unseres Nachbarlandes Österreich hierzulande gutgelittene Gäste sind, worum kümmern sich unsere Parteien beim Thema Antisemitismus? Und zum Zweiten: Unsere Stadt verfügt in Gestalt der verschiedensten, verzeihen Sie den hässlichen Begriff, über die verschiedensten Kulturträger über eine große Zahl von Foren, nennen wir nur Gasteig, Literaturhaus, Kammerspiele, Bibliotheken, in denen kontrovers diskutiert werden könnte und sollte. Auch dort besteht für die Verantwortlichen jederzeit die Möglichkeit des aufrechten Gangs. Jawohl, das ist eine Frage der Abwägung und des Muts, den uns Judith und Reiner Bernstein so exemplarisch vorgeführt haben.

Wie hieß es noch einmal bei Lukas: „Wenn Du an diesem Tag erkannt hättest, was dem Frieden dient ...“

Meine Damen und Herren, mein ausdrücklicher Dank gilt der Humanistischen Union und ihrer Jury, und er gilt auch dem Betreiber des Sendlinger Filmtheaters, der einfühlsamen Musik von Talja Blumenthal und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Und meine Glückwünsche gehen naturgemäß an unsere Preisträger, an Judith und Reiner Bernstein.

Dr. Tilman Spengler                                               28. Januar 2018

 

Sie können die Aufzeichnung der Laudatio hier nachhören (14 Minuten)